Frauenrolle

Vielleicht wird in der nächsten Generation wieder ganz anders empfunden. Vielleicht stehen die Frauen auf und wehren sich gegen den Druck, dass sie gebären, stillen und arbeiten sollen und die schöne Kleinkindphase an andere vergeben sollen. Vielleicht heisst es dann: Ich befreie mich von dieser Überforderung und bleibe die Kleinkinderzeit zu Hause, das braucht mein Körper und meine Seele und mein Kind.

Vielleicht lernen auch Unternehmen, dass unterschiedliche und variable Anstellungssettings nicht nur möglich, sondern sogar befruchtend sind und Leben und Dynamik in eine Firma bringen. Das Pendel schlägt ja immer erst über die Mitte aus, bis es irgendwann zur Ruhe kommt.

Technische Hilfmittel

Seit wir Waschmaschinen haben, waschen wir unsere Kleider fast täglich – also keine Zeit gewonnen. Vermutlich investieren wir genau die gleich Zeit für Hygiene wie früher, einfach auf höherem Niveau.

Als junge Mutter war ich so dankbar über meinen Geschirrspüler, dass ich mich entschied, während der Arbeit meiner Maschine eine Pause einzulegen und bewusst meine technische Haushaltshilfe zu geniessen. Leider gehen solche Ideen immer wieder in der Hetze des Alltags unter und erst mit einigen Jährchen gelingt uns (hoffentlich) eine genüsslichere Gangart im Leben.

Gegen Eifersucht

Wenn die Eifersucht unsere Gefühle trübt, gibt es ein Hausrezept dagegen, das heisst, danken für das, was uns selbst gegeben ist. Das wissen wir inzwischen. Aber es gibt noch eine andere Strategie, die Eifersucht verdampfen lässt: Das Teil-werden. Wenn wir uns nicht mehr isoliert betrachten, sondern Teil einer Gemeinschaft, in der auch Teil-haben möglich ist, wendet sich unser Zustand. Indem wir Nähe zulassen, statt uns in Konkurrenz zu distanzieren, wird unsere Herz anders reagieren. Wenn wir ein Gemeinschaftsgefühl aufbauen, in dem wir einander an den Siegen und Segnungen teilhaben lassen, hat die Eifersucht den Boden verloren, da wir Anteil haben, mit-empfangen und uns mitfreuen. Und was noch dazu kommt: Es kehrt eine Entspannung ein, weil der Leistungsdruck auf den einzelnen abnimmt.

Gedankenblitz

Warum meldet sich ein Detail, das ich vergessen hatte mitten in einer ganz anderen Situation? Als würde das Versehen, das grade auf der Baustelle einen hohen Schaden generiert hätte, sich aktiv bei mir melden wollen. Es entsprich keiner Logik, dass mein Hirn in dieser anderen Ausrichtung von jenem Gedanken gestört und aufgestöbert wird, wie ein Wink mit dem Zaunpfahl.

Dieses Erlebnis lässt mich nachsinnen. Von Intuition kann keine Rede sein – es war eine Störung meines Gedankenflusses. Mir wird klar, dass immer wieder Menschen überrascht oder gar aufgeschreckt werden von zurechtweisenden Gedanken oder Zeichen: Warnungen und Weisungen. Es könnte sein, dass wir vielleicht schon 100-fach vor Schlimmem bewahrt wurden und wir es kaum zur Kenntnis nahmen oder gar unserer Klugheit zugeschrieben haben. Ich glaube, hier erfahren wir Gottes barmherziges Reden.

Wertschätzung

Es nervt, wenn meine Mitbewohner die Pfannen nach dem Kochen nicht abwaschen. Ich habe mir angewöhnt, das Chaos stehen zu lassen, um die Eigenverantwortung zu stärken. Das war ein guter Entscheid, wenn auch unter Aufgabe meines ästhetischen Ideals.

Kürzlich habe ich meinem fast erwachsenen Sohn ein besonders feines Essen gekocht – ich hatte Lust, ihn zu ermutigen, weil ich beobachtete, dass ihn acht Stunden Bildschirmarbeit im Homeoffice etwas frustrierten. Der Blick in die Pfanne liess seine Augen aufleuchten und er jubelte förmlich, dankte und lobte mich überschwänglich und konnte es fast nicht begreifen, dass ich ohne besonderen Anlass diese Köstlichkeiten auffuhr. Das berührte mein Herz.

Da sein Mittag sehr kurz ist, machte ich mich allein an den Abwasch und ich war überrascht, wie herzlich gerne ich ihm dies zu lieb tat. Es kam in mir die Erkenntnis, dass wir zu (fast) jedem Opfer bereit sind, wenn wir gelobt, wertgeschätzt und geliebt werden.

Die Ablehnungslüge

Ich vermute, dass 80% der Verletzungen in Beziehungen aus falscher Interpretation entstehen. Er hat mich nicht angeschaut, der hat was gegen mich – der Klassiker! Sie grüsst mich nicht – die hat ein Problem mit mir… Was wäre, wenn unsere Wahrnehmung so stark von unserer Erfahrung und Erwartungshaltung abhängig wäre, dass wir zu einer objektiven Sicht gar nicht imstande sind!?

Ich kenne Menschen, die werden immer vergessen. Es ist wie ein Fluch. Sie fehlen auf Dankeslisten, auf Einladungsverteilern und erleben immer wieder, dass sie als einzige ohne erklärbaren Grund keinen Platz erhalten haben. Wenn wir in ihrer Vergangenheit etwas graben, taucht auf, dass sie ungewollt empfangen wurden oder durch irgend einen Umstand ihren Platz nicht zugesprochen bekamen und einnehmen konnten.

Viele Jahre war für mich die Situation einer grösseren Gruppe, die sich an Tische setzen muss, eine Belastung. Ein ehrlicher Austausch mit einer Freundin hat mir die Augen geöffnet. Um mich nicht einem andern aufzudrängen, gewöhnte ich mir an, als erste an einen leeren Tisch zu sitzen. Wenn die Stühle neben mir dann längere Zeit leer blieben, während sich andere Tische füllten, war ich den Tränen nah, weil ich empfand, dass mich keiner mag. Heute kann ich diesen Zustand als Ruhepause geniessen und es kommt mir gar nicht in den Sinn, dass ich für jemanden eine Last sein könnte.

Dann sind da noch die Missverständnisse, die manchmal unser Vorstellungsvermögen übersteigen. Es gibt Momente, in denen wirklich jemand aktiv Beziehungen zerstören zu wollen scheint. Wie auch immer. Es ist hilfreich, erst einmal anzunehmen, dass es ein Versehen oder eine Unachtsamkeit und nicht persönlich gemeint war. – Und sogar wenn es einmal nicht so wäre, hätten wir ein besseres Leben, wenn wir in diesem Glauben verweilen könnten.

Schuldfrage

Medien decken die Wahrheit auf, stellen Schuldige an den Pranger. Im gleichen Geist des Enthüllungsjournalismus‘ werden eifrig Verschwörungstheorien gesucht und gefunden – Hauptsache ich weiss mehr als die andern und kenne den Täter! Und dann kommen die Hetzjagden im Internet, ähnlich der Lynchjustiz im Mittelalter.

Die Schuldfrage wollen wir geklärt haben, füllen unsere Stunden mit Recherchen und streiten unermüdlich darum, wer recht hat. Das ist menschlich. Aber viel wichtiger wäre die Frage nach dem Weg zur Wiederherstellung: Was hilft für eine Verbesserung der Lage? Welche Massnahmen bringen Schutz und Linderung? Welche Hoffnung können wir dem Problem entgegen stellen? Welche Schritte kann ich beitragen?

Diese andere Blickrichtung kann viel verändern und hat das Potenzial, Prozesse in Gang zu setzen, die gesellschaftsrelevante Veränderungen bringen. Wer schreibt diese Artikel und welcher Seite gebe ich mehr Raum?

Leistungskrank

Ein älterer Professor in den USA ist vor dem Virus nach Montana geflüchtet und will nicht mehr ins alte Leben zurück. Zwei Kunstturnerinnen aus der Schweiz brechen ihr Karriere ab. Wieviele andere noch sind aus dem Hamsterrad gestiegen, weil es nicht mehr drehte? Unsere Gesellschaft hat eine tiefgreifende Erfahrung gemacht. Bei mir selbst ist eine innere Freiheit und Ruhe entstanden, so dass ich fähig geworden bin, um 15.00 Uhr meine Arbeit zu verlassen, was 10 Jahre mein grösster innerer Kampf war und das Leiden meiner Familie. Wir stehen an einem Scheideweg, den wir vorher gar nicht erkennen konnten, obwohl er eigentlich immer da war. Ist es der Change des Jahrhunderts? Der Befreiungsschlag aus einer geistigen Knechtschaft?

Veränderung

Die Mutter putzt über Jahre den Boden unter dem Tisch, dann, wenn alle gegangen sind. Jahre verziehen und es kommt der Tag, an dem sie es nicht mehr tut. Jetzt fragt sich der Sohn genervt: Wieso ist das so schmutzig da? Woher kommen diese Krümel? Es wird etwas dauern bis er zur Einsicht kommt, dass er selbst Verursacher war, dass es an der Zeit ist, sich selbst darum zu kümmern und dass er dankbar sein kann, dass jemand für ihn die Sache bist jetzt in Ordnung hielt.

Seit 40 Jahren bereisen wir die ganze Welt, jährliche Ferien im Ausland sind Tradition, wir stehen in Schlangen vor Stadien, kämpfen uns durch Massen an Rummelplätzen, pendeln täglich Schulter an Schulter dichtgedrängt in ÖV’s und küssen grosszügig Freunde auf die Wange. Eigentlich erstaunlich, dass sich nicht früher ein Virus in dieser Art verbreitet hat. Ich komme zur Einsicht, dass unsere Reisezerstreuung in diesem extremen Mass an Kontakten eigentlich Krankheitsübertragungen provoziert und es könnte sein, dass wir Verhaltensänderungen brauchen, weil die Medizin allein das Problem nicht lösen kann.

Jugend

Sie ist begeisterungsfähig und leidenschaftlich. Sie will aufbrechen, Neues wagen, das Bessere suchen. Sie will in Kontakt treten, berühren und berührt werden. Sie hat Energie und und will sich beweisen. Sie will eigene Erfahrungen machen und die Möglichkeiten ausloten und ist lernfähig.

Es ist an uns, sie zu ermutigen und zu loben und ihnen die Hoffnung für eine bessere Welt nicht zu zerstören. Sie müssen wirksam sein dürfen: Wir müssen ihnen Land anvertrauen und ihnen an geeigneten Orten das Feld überlassen. Wenn die Jungend keine Vision entwickelt, hoffnungslos und resigniert ist, dann haben wir, ihre Eltern, versagt.

Wir konnten nicht…

Wir mussten zuhause arbeiten und fanden neue Gemeinschaft in der Familie. Wir konnten keine Kontakte pflegen und fanden im Partner eine neue Tiefe. Die Agenda wurde leer und wir erfuhren Befreiung von Druck und Stress. Wir konnten nicht auswärts essen gehen und entdeckten neue Kochideen. Wir konnten keine Kleider kaufen und merkten, wie wenig wir eigentlich brauchen. Unser Leben wurde bedroht und wir wurden dankbar für das Leben.

Schwäche

Mit Schwäche umzugehen ist für jeden eine Herausforderung. Unser natürliches Verhalten neigt dazu, sie zu überdecken und zu verstecken, zum Teil auch, weil wir wenig Gnade und Verständnis erlebten dafür und uns ungeliebt fühlen.

Wir klugen Menschen kennen aber noch eine ganz andere Strategie: Wir können unsere Schwäche, unseren Problempunkt, auch als Besonderheit oder sogar als Spezialität unserer Persönlichkeit hervorheben und uns so dem Schamgefühl entziehen. Wir können sie uns sogar zur Identität und Wertsteigerung werden lassen, dann müssen wir uns nicht einem evtl. schmerzhaften Prozess aussetzen. Das fühlt sich für den Moment wie eine Erlösung an, wird aber längerfristig unsere Entwicklung blockieren. Oft ist die Not der Stigmatisierung, der Verdammung und der Verachtung so gross, dass es als letzte Hoffnung auf ein gutes Leben erscheint, vielleicht sogar als Rache für die Ablehnung, die wir erfahren haben.

Ich aber glaube, dass darin eine grosse Lüge und ein perfide, noch grössere Verhinderung des Wachstums, der Befreiung und Heilung (deren wir alle bedürfen!) stattfindet. Ich denke da an Süchte aller Art, Kompensation von ungestillten Grundbedürfnissen, die zur Gewohnheit und Bindung geworden sind, Opfer- und Täterverhalten, Perversion von Gefühlen und Empfindungen durch Traumas, Schocks oder massive Kindheitsdefizite.

Die Mächtigen

Machtgefälle und Machtverhältnisse bestimmen die Gestalt unserer Welt im Kleinen wie im Grossen. Wir erleben Machtmissbrauch und Unachtsamkeit bis hin zur Ignoranz und Ausbeutung und sehnen uns nach Gerechtigkeit in Form von Machtentzug, Ahndung, Strafe und einer Abflachung des Machtgefälles. Das ist die eine Seite.

Auf der andern Seite wünschte ich mir Vorbilder, über die berichtet wird: Mächtige, die Verantwortung für die Gesellschaft wahrnehmen, die Bestrebungen machen wie z.B. Annie Lenox, wie Bono oder Roger Federer und es (hoffentlich) nicht nur für Publicity tun!

Vielleicht ist die Lösung nicht in der für uns gerechten Machtverteilung und Gleichmachung – die es in der Vielfalt der Schöpfung nie geben wird – sondern darin, dass der Mächtige sich entscheidet, den Schwächeren zu ehren und zu achten. Und dann bleibt da immer noch die Frage: Wo stehe ich in diesem System und was mache ich mit der MIR anvertrauten Macht?

Wählen und bestimmen lassen

– das ist das grosse Spannungsfeld in Familien, in Beziehungen und über die Generationen. Wie hart ziehen wir unsere Vision durch, wie geduldig warten wir auf Partizipation, wie bereit sind wir, unseren Plan aufzugeben aufgrund eines höheren Wertes? Und wie gut können wir unser Bedürfnis kommunizieren und wie offen sind wir, das des andern wahrzunehmen?

Beziehungen, die tief und stark sind – für die insbesonders die Familie steht – sind das grösste Übungsfeld, die grösste Herausforderung für unser Herz, aber auch die grösste Chance, dass die Welt nachhaltig verändert wird. Die Verletzlichkeit bei so geliebten Menschen, die spür ich am eigenen Herzen und es kostet mich Tage und Wochen, mich mit Fehlverhalten meiner Liebsten zu versöhnen und meine Rache und Vergeltungsgefühle zu überwinden. Aber nur auf diese Weise öffnet sich die Sicht für den weiteren Weg und den nächsten Schritt.

Wie oft liest man in Interviews: ‚Ich habe den Kontakt mit meinen Eltern abgebrochen‘ oder ‚vor 15 Jahren habe ich meine Schwester das letzt Mal gesehen‘. Meine eigenen Vorfahren beider Familienzweige haben Kontakte abgebrochen, Geschwister totgeschwiegen und im Geist gemordet. Die Auswirkungen sind und waren fatal: Tiefgründiges Misstrauen, Beziehungsunfähigkeit, Depression bis hin zu Selbstmord. Meine Aufgabe ist es, die Fäden wieder aufzunehmen. Und meine Kinder zeigen einen Versöhnungswillen, der mich selbst überrascht und beschämt. Es gibt Hoffnung – nicht von heute auf morgen, aber es ist ein Weg, der gerade in dieser speziellen Zeit der Ruhe und Besinnung bessere Chancen hat.

Frühlingsduft

Ich erinnerte mich plötzlich an die Lieder meiner Grosseltern mit Texten wie: ,Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerszeit…‘, die Lieder um Frühling, Sonne, Blumen, Vogelgesang – sie sind verstummt. Die Welt ist so laut und schreiend geworden, zugedröhnt mit hämmernden Rhythmen, Bilderfluten, Events und Style. Aber jetzt ist der Stecker raus und es ist still geworden. Wer sieht jetzt meine knalligen Gelnägel und wem präsentiere ich meine teuren Klamotten?

Der Frühling erhält eine neue Aufmerksamkeit, denn irgendwann verliert die Flimmerfläche ihre Anziehung und der Himmel leuchtet herrlicher denn je. Ein wenig Wiese, Sicht in die Weite, ein Schmetterling – dankbar lassen wir unsere Augen schweifen und atmen tief durch: Das ist, was schon unseren Ahnen guttat und nun eben auch uns.

Lebensgefühl

Wenn der Ausdruck ‚die Wende‘ nicht schon besetzt wäre, würde ich jetzt von der Wende sprechen. Wochen zuvor und eigentlich schon vorher versuchte ich öfters mein Lebensgefühl zu überdenken: Warum tappte ich immer wieder ins Hamsterrad der Abarbeitung, in der Hoffnung, einmal fertig zu werden, aber es dreht und dreht und das Ende ist eine Illusion. Sklverei meiner Seele, ein unaufhörlicher Treiber in mir. Mein Geist weiss, dass ich willentlich aussteigen muss. Aber die Dynamik hat seine Faszination, die eigene Macht und Wirksamkeit kann zur Sucht werden. Woher kommt dieses selbstzerstörerische Wesen in mir? Und warum geht es offenbar nicht nur mir so?

Ich bräuchte Ferien, aussteigen in eine andere Welt, ein erlösendes Elixier, Szenenwechsel hin zum Genuss: Vögel hören, Farben sehen, essen, trinken, einander in die Augen schauen – leben, dafür wäre ich geschaffen! Eigentlich fehlte mir hier nichts dazu und doch lebe ich im Alltag daran vorbei. Wie kommt es, dass es so schwer ist, während der Arbeit auch Vögel zu hören, beim Tippen Musse zu empfinden? Warum hinke ich vom einen zum andern und bringe es nicht zusammen? Warum braucht es ein anderes Land, um Essen, Wein und das Himmelblau richtig zu geniessen?

Jetzt steht die Wirtschaft still und meine Arbeit ist nicht weniger. Aber plötzlich fühlt es sich an wie Ferien. Das Rad steht still. Die Eile ist verschwunden. Es fühlt sich an wie in der Nacht, wenn alles schläft: Ruhe, keine Hektik. Einfach atmen und leben. Arbeiten und leben. Ein Gigant eines Treiber-Molochs ist erstarrt – über Städten und Ländern – und es tut so gut. Wir haben uns für einige Milliarden für das Leben von älteren und schwächeren Menschen entschieden. Das ist ein Statement! Das Leben hat über Geld, Gewinn und den Leistungsdruck gesiegt! Es ist eine Wende – ich fühle es!

Blickrichtung

Die Realität ist so vielschichtig, die Wahrheit so viel grösser, als wir wahrnehmen, erfassen und beurteilen können. Es wäre anmassend, zu glauben, dass eine Person je in der Lage ist, ein sicheres Urteil oder gar eine vollkommener Überblick erhalten zu können. Sondern alles was wir denken und erkennen, ist eine Annäherung aus einer Blickrichtung. So ist die Frage nach unserer Blickrichtung entscheidender als unser intensiver Versuch, alles vollständig zu erkennen.

Umgang mit Menschen

Wir lehren nicht Menschen, wir führen nicht Menschen, wir kooperieren nicht mit Menschen, sondern wir pflanzen in Menschen hinein. Das bedeutet, dass wir gute Samen wie Ehrlichkeit, Aufmerksamkeit, Geduld zur richtigen Zeit am richtigen Ort verschenken und in der Erwartung (nicht Forderung) leben, dass die Saat aufgeht, was so viel bedeutet wie wieder loslassen und vertrauen, das es nicht vergebens war.

Es kann lange dauern, bis eine sichtbare Pflanze und noch länger bis eine Frucht aufgeht. Aber wir werden mit Gewissheit immer mal wieder Zeugen werden von der nachhaltigen, tiefgreifenden Prägung, die unser Leben als unauslöschliche Spur hinterlässt.

Zerstörung

Zerstörung ist schlimm. Aber noch schlimmer ist, sie nicht wahrnehmen zu können, weil man sich daran gewöhnt hat. Denn das bedeutet, das kein Wiederaufbau stattfindet und keine Wiederherstellung geschehen kann. Das Klima der Umstände in dem wir aufwachsen, interpretieren wir als Kind erst mal als normal, passen uns an und könnten verpassen, uns nach etwas Besserem auszustrecken.

Motive II

Es sind unangenehme Fragen, die unser Motive aufdecken. Warum machst du das? Und warum das? Jedes Warum führt uns eine Zwiebelschicht tiefer in unseren Seelenzustand hinein, offenbart Bedürfnisse, aber auch Ängste, Blockaden, Widerstände, Feindbilder, wenn wir es zulassen. Die Frage nach dem Motiv klärt Hintergründe auf und wird zum Schlüssel für tiefgreifende Veränderung, wenn wir uns ihr stellen.

Es braucht aber auch Mut, andern diese Frage zu stellen und es braucht ein gnädiges Herz des Fragers, dass einer sich daraufhin öffnen kann. Was für eine Chance, wenn es gelingt.

Neue Gedanken

Woher kommen sie und was machen wir mit ihnen? Es sind Geistesblitze, überraschende Erkenntnisse, neue Sichtweisen, die uns inspirieren oder irritieren. Wenn wir sie prüfen und für richtig befinden, können wir sie in unsere Gescheitheits-Trophäen-Sammlung einfügen und mit ihnen in kommenden Diskussionen auftrumpfen, oder wir setzen sie in unserem Leben praktisch um, was im Moment nicht grossartig erscheint, aber sie in Existenz und Kraft bringt und irgendwann zu einer Erntezeit führen wird.

Neues Jahr

Ich liebe ihn, den Jahreswechsel: Standortbestimmung und Ausschau halten. Woher komme ich und wohin gehe ich? Den Lauf der Dinge anhalten bringt immer einen Hauch von Ewigkeit, Freiheit aber auch Vergänglichkeit. Das wiederum hilft uns, die Dinge anzupacken, die wir in unseren Herzen tragen. So endet bei uns der Jahreswechsel mit Eintragungen in die Agenda zusammen mit unseren Liebsten: Gemeinsam Essen, Spaziergänge, Wanderungen, Sitzen vor dem Cheminée, baden u.a. und mit dem Eintragen ist sichergestellt, dass es nicht beim Wunsch bleibt.

In die Tiefe hinein

Die unerreichbaren Tiefen wurden erreicht. Dass sich Gott in eine Welt von Ausbeutung und Mord als schutzloses Baby hinein gebären lässt, ist so wundersam und unergründlich, so anders als wir Menschen denken können, so irritierend und schwer verständlich, dass alle Philosophen der Welt es nicht ergründen können. Das grösste Geheimnis aller Zeiten.

Zu simpel für die Intellektuellen, zu unästhetisch für die Zivilisierten, zu demütigend für die Erfolgreichen. Man muss es einfach verdrängen oder es zu einem netten Märchen degradieren. Und es ist heute noch so wie im Gleichnis des Festmahls des Königs, dass der Zugang dazu oft nur von Zerbrochenen und Hoffnungslosen gefunden wird als letzte Hoffnung.

Was mich beschämt, ärgert und herausfordert ist, dass die meisten sich dann wie Schiffbrüchige an diese Tatsache klammern, vielleicht dieses Baby der göttlichen Hoffnung sogar in sich eingebären, aber nicht aufwachsen lassen. Es bleibt klein und wird nur ab und zu angebettelt. Aber das Baby wurde ein Mann. Seine Kraft und Schönheit wird erst wirksam, wenn er sich mit jeder Faser unseres Seins verbinden darf und so in uns volle Gestalt gewinnt. Er in uns, die Hoffnung auf Herrlichkeit – nicht erst für den Himmel danach: Jetzt in unserem Leben auf Erden!

Er in uns, das grösste Wunder überhaupt. Sein Geist eingepflanzt in unser Herz, das Flüstern, der Kuss, die tiefe Vereinigung von IHM mit uns. Die ewige Gemeinschaft, erkennbar, fühlbar, real – schon heute. Erde und Himmel unzertrennlich verbunden in mir. Höhere Freiheit über allem irdischen. Ich suche nach verwandelten Menschen in sein Ebenbild: Treu und gerecht, mutig und stark, demütig und hilfreich, schön und tief – so wie Jesus es war.

Mehr Tiefe 6

Wenn wir einem Menschen in der Tiefe begegnen wollen, im in die Augen schauen, mit echtem Interesse auf ihn eingehen und nach seinem Befinden forschen, ihm Raum zugestehen, ihn fördern, ihn bestätigen in seiner Identität, werden wir ein Ohr für ihn haben und ganz natürlich Worte finden, die ihn ermutigen, loben, und er wird vertrauensvoll offen werden sogar für Input, der eine Korrektur auslösen könnte.

Wenn ein Herz erfährt, dass es nicht angegriffen und dominiert, nicht gedrückt oder gezerrt wird, nicht missbraucht oder ausgebeutet wird, geschieht etwas Wunderbares: Es öffnet sich! Da entsteht eine neue Ebene von Begegnung, angstfrei und ohne Erwartungsdruck, ausserhalb von Rollen und Erwartungen. Vertrauen ist der Schlüssel zur Identität, zur echten Begegnung und zum freigesetzten Leben.

Wenn wir in dieser Ebene angekommen sind, ärgern wir uns nicht mehr über Ungleichheiten, stecken Versehen grosszügig weg, sind sogar bereit, Opfer zu bringen oder gar dem andern zuzudienen. Plötzlich lösen sich Machtkämpfe auf und jeder findet wie von selbst seinen passenden, für ihn zugeschnittenen Platz. Plötzlich werden Versehen nicht mehr als Angriff gedeutet, weil das Misstrauen keinen Boden mehr findet. Es funktioniert in der Ehe, in der Familie und im Geschäft. Das ist der Boden, auf dem die Welt geschaffen wurde und auf dem sie wieder aufblühen wird. Aber Achtung: Es funktioniert nicht als Rezept und Theater – das wäre ja wieder nur eine Rolle. Unser Herz muss in der Stille zu dieser Haltung finden, denn sie muss echt sein.

Mehr Tiefe 5

Wenn wir wahrnehmen und wertschätzen können, was wirklich durch unser Herz geht und es angstfrei und offen aussprechen, dann wird man Sätze hören wie: ‚Oh, ich dachte jetzt bin ich dran. Aber ok, ich warte.‘ – ,Mir ist jetzt grade was Blödes passiert, aber ich bringe es in Ordnung‘ – ‚Ich würde gerne auch noch was dazu sagen, darf ich?‘ – ‚Ich möchte es mal anders machen, ich wollte es einfach sagen‘.

Wir sind frei und solche Aussagen schaffen Freiraum für Echtheit und weisen sanft aber unmissverständlich Rollen und Erwartungen zurück. Wir müssen es täglich einüben, unser Inneres am Äusseren teilhaben zu lassen. – Was auf keinen Fall bedeutet, dass wir nicht auch Dinge tun, weil wir erkennen, dass sie von uns getan werden müssen auch ohne erhebendes Gefühl dabei. Das Murren der ungehörten Bequemlichkeit oder das Pochen auf Sättigung unseres Körpers soll uns nicht mehr dominieren, wie auch die Kränkung des übergangenen Stolzes oder das Drängen der unersättlichen Habgier unserer Seele. Wir kennen sie inzwischen und ihnen das Ruder in die Hand zu geben wäre unklug, denn sie können Terror machen bis hin zur Zerstörung.

Mehr Tiefe 4

Wenn wir es ehrlich meinen, können wir aus vollem Herzen authentisch leben. Wenn wir jedoch unlautere, hinterhältige Motive in uns kultivieren, trainieren wir das Versteckspiel ein und verwirren andere und uns selbst. Es gibt Menschen, die glauben, dass Manipulation und doppelbödige Strategien ihnen Macht verschaffen und Erfolg. Das mag stimmen um Leute herum, die auf Rollen fixiert sind und den Blick in die Tiefe nicht gelernt haben. Wer sich auf Manipulation einlässt, wird Schein und Täuschung auf sich ziehen und selbst davon Opfer werden.

Wenn wir unsere Motive reflektieren und klären und uns nicht einlassen auf ‚Räuberspiele‘, können wir in innerer Einheit und Ganzheit nach aussen Leben. Unsere Authentizität ist so machtvoll, unser reines, offenes Herz so strahlend, dass unsere echte Freundlichkeit Türen öffnet, wo wir nicht einmal Türen vermuteten. Leute reagieren mit Grosszügigkeit, mit Freude und Kooperation, dass wir überrascht und überschüttet werden.

Meine Tiefe

Zu lange baute ich an meiner Erscheinung durch die Stärken, die ich schon als Kind gespiegelt bekam. Und das Bild war überzeugend: Eine begehrenswerte, mutige und begabte Frau, die sich durchsetzen konnte, schön und intelligent. Als Teenie malte ich bis tief in die Nacht Bilder, um Lob und Anerkennung zu ernten; ich ging mit krassen Typen aus, um mir selbst zu beweisen, dass ich mich vor nichts fürchte. Mein Lebensmotiv war, Menschen zu demonstrieren, wie wertvoll, wie stark und wie begabt ich sei. Meine Gaben wurden Mittel zum Zweck, einen Platz auf dieser Erde zu erhalten, gesehen, wichtig genommen und geliebt zu werden.

Ein beeindruckender Überbau und darunter ein Schrei, der sich in meinen Träumen deutlich abbildete: Gehört, gesehen, in der Tiefe erkannt zu werden bis hin zu Selbstmordgedanken, als Rache für meine Eltern. Es kam der Tag, an dem meine Mutter mich um Vergebung bat, dass sie sich innerlich so gegen eine vierte Schwangerschaft gewehrt hatte und mich viel der Obhut der grösseren Schwester übergab. Nicht so schlimm, aber schlimm genug, dass ich litt, nicht freudig leben konnte und mich dauernd beweisen musste. Mein Platz auf Erden war nicht erwünscht und vorbereitet…

Menschen zu begegnen, die mich geduldig aushielten, mich liebevoll mit Wahrheit konfrontierten und die Begegnung mit einem Gott, der mich sieht, mich will und mich liebt, hat mein Herz weit geöffnet. In meinen Knochen ist Frieden eingekehrt, es ist schön, zu leben. Ich kann sitzen und nichts tun und erkenne die Schönheit der Welt, meine Gaben ausleben oder einfach nur sein: Es genügt ich sein zu dürfen.

Sensible Seele

Unser Inneres ist eben Innen, weil es so zerbrechlich, so fein ist, dass es diesen Schutz braucht. An Kindern erkennen wir deutlich, wie ein Mensch gemacht ist und wie zart seine Seele atmet und lebt. Im Garten der Liebe dehnt sie sich aus und entfaltet sich, unter Stichen und Schlägen zieht sie sich zurück und bildet diese harte Schale des Eigenschutzes.

(Es heisst nicht, dass die perfekte Umgebung einen perfekten Menschen bildet, da jedes Menschenherz hat seine Schlangen- und Wolfseiten hat, das wird uns heute bewusst, wo manchen Kindern die perfekte Wohlfühlzone geboten wird.)

Wir kennen das Einigeln unserer Seele: Sie verweigert sich, sie schreit oder schweigt; bäumt sich auf, rebelliert und rächt sich oder versteckt sich und will sterben. Meine Seele öffnet sich wieder an einem Ort des Schutzes, der Sicherheit und Annahme und als Folge meiner Entscheidung, loszulassen und in Versöhnung zu treten. Und manchmal braucht es Zeit, vielleicht Jahre.

Lass uns selbst ein Ort des Schutzes werden, sobald wir dazu fähig sind, damit Menschen sich wieder öffnen können und die verhärteten Stellen schmelzen, damit sie heil werden.

Mehr Tiefe 3

Rollen und Erwartungen sind Hüllen, wie ein Panzer um unser Leben und der andern herum. Es gibt die sachliche Ebene und die muss sachlich angegangen werden – aber sie ist losgelöst von unserer Person. Rollenbilder wollen uns an die sachliche Ebene fesseln und unsere Freiheit rauben. Sie uniformieren und täuschen uns Sicherheit vor.

Wenn wir Rollen und Erwartungen immer wieder überwinden und zu unserem Herzen vorstossen und das des andern, finden plötzlich ganz neue Dynamiken statt, die intensiver und wunderbarer sind, als jedes harmonische Gesellschaftsbild oder intelligente Konfliktlösungs-Konzept. Im Erkennen des eigenen Wesens und das des andern lässt eine Atmosphäre entstehen, in der sachliche Konflikte zu Krümeln schrumpfen. Wo sich Herzen in Achtung und Treue begegnen, wachsen Möglichkeiten, die zuvor undenkbar waren.

Mehr Tiefe 2

Wir verhalten uns oft wie Schauspieler in jahrelang eingeübten Rollen – und hoffentlich sind wir selbst durch die hundertfache Repetition sie nicht gänzlich geworden! Wir haben Absichten, hegen Erwartungen und begegnen Reaktionen. Wenn sie übereinstimmen, sind wir bestärkt (das ermutigt uns, noch mehr das Rollensystem zu unterstützen), wenn nicht, bekräftigen wir unseren Plan oder suchen Strategien von Kompromissen oder anderen Lösungsfindungen auf der funktionalen Ebene.

Und dann kommen die Momente, wo das innere Befinden durchdrückt: Einer fühlt sich übergangen, einer manipuliert, einer ist beleidigt. Dann wird im besten Fall über die Aufgaben und Pflichten disputiert, Ansichten und Vorstellungen diskutiert oder einer zieht missmutig den Schwanz ein, gibt nach oder verschwindet. Dann geht jeder nach Hause und holt sich für seine Rehabilitation bestärkende Zustimmung für seinen Standpunkt und seine Forderung und tröstet sich im Rechthaben.

Dieser Ablauf – tausendfach in Medien zitiert – zeigt mir, dass Menschen sich gar nie auf der Herzensebene begegnet sind, Vertrauen und Achtsamkeit keinen Eingang fanden. Mag alles funktional richtig sein – aber wir sind kein Roborter. Die sachliche Ebene ist eins, aber viel grösser und stärker wirksam ist die Herzensebene!

Mehr Tiefe 1

Mein Leben ist immer noch geprägt von Formen und Normen: Das eine sind die erzieherischen Stempelungen in meiner Seele von all den Verboten und Pflichten und das andere ist die Macht der Menschenfurcht, die Angst nicht angenommen und geliebt zu werden. Je mehr ich diese Joche meiner Seele überwunden habe, desto mehr erkenne ich in einer verblüffenden Schärfe, wo sie in mir noch immer wirksam sind.

Ich übe mich im Rollenbilder zu übertreten und gesellschaftliche Vorstellungen nicht zu erfüllen – natürlich im positiven Sinn. Ich oute meine Schwächen, sobald ich ahne, dass kein Wolf vor mir steht und manchmal bin ich mutig genug, genau dem Löwen zu demonstrieren, dass ich als Lamm glücklich leben kann. Offenheit ist entwaffnend und die Fähigkeit, echt zu sein, eine immense geistliche Kraft, die eine sehr spezielle Dynamik verbreitet.

Unverstellt

Das kostbarste ist, Menschen um uns zu haben, bei denen wir uns sicher fühlen, weil sie Treue und Respekt durch schwierige Phasen hindurch schon bewiesen haben. Da können wir ganz unverstellt, ganz ehrlich, ganz echt sein und fühlen uns rundum angenommen. Und genau hier entfaltet sich unser Wesen – und überrascht sogar uns selbst, weil es spontan und unvermittelt aufpoppen kann! Wie erfrischend für alle, wenn wir es zulassen!

Religion

Ich höre immer wieder mal den Satz: ‚Es spielt keine Rolle was man glaubt. Alle Religionen haben am Ende den gleichen Gott. Ich glaube an eine höhere Macht…‘ Das klingt so, als würde man sagen: Es ist egal, wer in der Regierung sitzt, Hauptsache, es wird regiert. Niemand würde diesen Satz sagen wollen, ist es doch eine der entscheidenden Lebensgrundlagen in einem Land, ob es ein machtgieriger Diktator steuert, oder ein verantwortungsvolles Gremium, dass Gerechtigkeit und Entwicklung anstrebt. Das schlimmste an dieser Haltung ist, sich dieser Frage zu entziehen. Es ist, als wäre einer Schweizer und würde das Privileg abzustimmen nie in Anspruch nehmen und sagen: Ich glaube, dass es irgend eine Regierung gibt, aber es interessiert mich nicht.

Meinungsfreiheit

Wir haben eine enorme Meinungsfreiheit, ja wir können sogar unsere Meinung tausenden Leuten übers Internet anbieten. Gleichzeitig wird uns bewusst, dass unsere vermeintliche Freiheit riskant ist. Ein falscher Satz könnte uns in Ungnade fallen lassen, Shitstorms und Hasslawinen auslösen und uns derart in Bedrängnis bringen, das wir am liebsten aus der Welt scheiden wollten. Sind wir da wirklich noch frei?