Stress

Stress ist eine irrationale Sache, die in einer Selbstüberhöhung oder in einem Trauma oder beidem begründet liegt.

Warum kommen wir unter Druck? Weil wir glauben, mehr tun zu müssen, als wir können? Weil wir Erwartungen erfüllen sollten, die in Wahrheit nicht unseren Möglichkeiten entsprechen? Weil wir uns mehr verantwortlich fühlen, als wir es tatsächlich sind? Weil wir uns vor Versagen fürchten? Weil wir einem perfekten Bild anhängen? Wenn uns klar wird, dass wir vom Herzen her erkannt sind und beurteilt werden, fällt der Stress ab. Wenn wir erkennen, dass wir ’nur‘ Mensch sind und in unserer Unvollkommenheit geliebt sind, kehrt Ruhe ein.

Vielleicht haben wir ein Trauma erlebt, das unser Sein so bedroht hat, dass sich eine Panik in unseren Gliedern abgespeichert hat. Dann wird Stress in gewissen Situationen eine unkontrollierbare Reaktion. Es lohnt sich, dieser Ursache nachzugehen – und wenn es nur die unausgesprochenen Erwartungen der Eltern war mit Liebesentzug.

Gleichzeitig kann uns auch eine Gesellschaftskultur oder unser eigener Ehrgeiz verführen, in Überforderung zu leben. Hier müssen wir reflektieren, was wir wirklich leisten können, herausfinden wo unsere Grenzen sind, aktiv unseren Platz klären und falsche Forderungen bewusst innerlich und äusserlich ausser Kraft setzen.

Eines ist sicher: Wir sind nicht geschaffen, längerfristig Stress ausgesetzt zu sein. Handeln wir!

Ratschläge

Ratschläge haben immer einen demütigenden Toutch, der unseren Stolz herausfordert. Aber wenn privilegierte Menschen uns freundlich und hilfsbereit erklären, dass man dies und das hätte tun sollen, was jedoch nur möglich ist mit Ressourcen eines privilegierten Menschen, dann ist es nicht nur demütigend, sondern schmerzhaft erniedrigend. Dann beginnt es schwierig zu werden, eine Erklärung abzugeben, und wir verstummen.

Solche Momente geschehen auf allen Ebenen von Gesellschaftsschichten, was bedeutet, dass wir immer in der einen oder andern Rolle auftreten können. So sollte uns das Erleben lehren, wachsam zu sein, damit wir nicht selbst mit Ratschlägen um uns her fuchteln.

Die Prüfung

Jemand legt vor dir 1’000 € auf den Tisch und sagt: Dieses Geld ist für jemanden bestimmt, der es sehr nötig hat. Was tust du? Nimmst du es und machst Ferien? Lässt du es liegen für einen, der bedürftig ist? Tust du das gleiche, ob der Spender hinschaut oder bereits gegangen ist? Bist du in der Lage, das Geld auch im Verborgenen liegen zu lassen, weil du es momentan wirklich nicht dringend brauchst?

Prüfe dein Herz. Wir haben viele ähnliche Momente tagtäglich in unserem Leben. Gewinnen wir den inneren Kampf zur Aufrichtigkeit? Oder haben wir die Kraft dafür verloren? Wir können diese Fähigkeit trainieren, sodass wir stark werden und eine unsichtbare Krone gewinnen, die uns Türen öffnet, von deren Existenz wir keine Ahnung hatten.

In die Ruhe leiten

Wenn wir fähig werden, unser Herz in die Ruhe zu leiten, haben wir die höchste Lebensqualität gefunden.
Wir reiben uns wund an den Umständen, wenn wir versuchen, sie zur Harmonie mit uns zu zwingen. Wir jagen dem Wind nach, wenn wir das perfekte Umfeld für uns finden wollen. Wenn wir aber lernen, Frieden zu finden in der Unvollkommenheit, in Widerwärtigkeiten oder gar Angriffen, dann sind wir für das Leben gewappnet. Auflehnung ist ein Eigengoal, Rebellion raubt uns den Schlaf und Rache zieht uns mit dem andern in den Abgrund.

Wer sein Herz in die Ruhe leiten kann, hat die Tür zur Weisheit gefunden. Es ist der erste Schritt zur Versöhnung und Versöhnung ist eine starke Kraft, die nichts mit Passivität und Hoffnungslosigkeit zu tun hat, denn sie geht auf den andern zu und öffnet das Tor zum Himmel.

Eltern

Es gibt mir den Eindruck, dass die grösste Zerstörung unserer Lebensgemeinschaft durch die Wegnahme der Eltern geschieht – Eltern, ein Mann und eine Frau. Es geht weniger um eine Schuldfrage, als vielmehr um das Erkennen einer gefährlichen Tendenz, der wir in verschiedener Weise mutig entgegenwirken sollten.

Die mangelnde Konfliktfähigkeit der Partner bewirkt viele Trennungen und Scheidungen, sodass mehr und mehr Kinder nur mit einem Elternteil aufwachsen. Neu wollen nun Frauen ihr Kind unabhängig einer Partnerbeziehung empfangen, als wäre der Kinderwunsch eine individuelle Entscheidung. Dazu wollen homosexuelle Paare ein Recht auf Kinderadoption einfordern. Leihmütter, Samenspender und in vitro Fertilisation machen Kinder zu einem Produkt als Lebensprojekt.

Was erleben diese Kinder? Sie sind die kommende Generation. Sie werden in ein schutzloses All eines egoistischen Wunscherfüllungssystems geworfen und ihr Geist ist nicht eingebettet.

Familie ist mehr als eine Variante der Symbiose und Aufzucht. Die Zeugung eines Kindes aus einem tiefen Glück der Vereinigung zweier Liebenden schafft einen Grund, der sich nicht unter dem Mikroskop abbilden lässt. Die Einbindung in ein emotional sicheres aber lebendiges Umfeld weckt vielfältige Wesensarten und lockt die sensiblen Neigungen der werdenden Persönlichkeit hervor. Das Nest unter dem Austausch zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit, die vielschichtige Dynamik einer Beziehung zwischen so unterschiedlichen Individuen, die sich bis in die Tiefe miteinander verbunden haben, schafft einen Raum von Geborgenheit, weckt Vielfalt und befähigt zur Bindung und Beziehung auch in Unterschieden. Identifikation mit dem eigenen Geschlecht, Mitgefühl, Anteilnahme, Lebensinn, tiefe Gefühle und ihr Umgang damit brauchen dieses Familiengefüge, das auf dem Liebesbund dieser Gegensätze von Mann und Frau aufgebaut ist. – Darf man das heute noch so benennen?

Es geht nicht um den Kinderwunsch, sondern um das Kind. Es geht nicht um meine Lust, sondern um die nächste Generation. Wie kurzsichtig und egoistisch ist unsereins geworden!

Maske tragen

Jetzt sind unsere Lippen, unsere Nase und die Wangen vor der Öffentlichkeit verborgen, Wangenrouge und Lippenstift sind unnütz geworden. Vielleicht tut es dem einen oder andern gut, dass er mal die zu grosse Nase, die unreine Haut oder das Hängekinn verstecken kann. Die Ansprüche sind hoch – wer kann ihnen genügen? Ich jedenfalls finde es zwischendurch irgendwie befreiend, nicht eingeordnet werden zu können, ein bisschen fassadenlos aufzutreten. Und ich überlege mir, ob eventuell gewisse verhüllte Frauen diesen Aspekt auch schätzen – obwohl ich keinesfalls eine Befürworterin der Burka bin.

Generationentwicklung

Wenn ein 65-Jähriger von ‚Führung‘ spricht, heisst es komplett was anderes, als wenn ein 35-Jähriger das selbe Wort benutzt. Der Pensionär kommt aus einer Welt, wo Chefs von oben dirigiert haben und das Ausführen ihrer Pläne einforderten. Wenn der 35-Jährige Teamleiter von ‚Führung‘ spricht, dann beinhaltet das Wort das Zusammenführen von Knowhow im Teamprozess, das gemeinsame Erarbeiten von Zielen und das Begleiten und Unterstützen der Mitarbeiter für eine erfolgreiche Umsetzung. Es sind Welten und man entdeckt sie nur bei genauem Hinsehen, denn zu leicht führen uns die alten Erfahrungen und Bilder an der Nase herum und wir liegen mit unserer Einschätzung weit daneben. Und unter uns: Früher war nicht alles besser 😉

Wer sollte was tun?

Wie dumm ist es von mir, mich in innere oder äussere Diskussionen einzulassen, was jener Präsident tun müsste oder wie sich mein Mitarbeiter verhalten müsste oder was mein erwachsener Sohn entscheiden sollte. Wer bin ich, dass ich dem andern sage, was er zu tun hat und von einem freien Menschen etwas einfordern will? Nicht einmal Gott selbst, dem die ganze Welt gehört, tut so etwas.

Die Zeit, über das Verhalten des andern nachzudenken, werde ich zukünftig dafür verwenden, über mein eigenes Vorgehen, mein Handeln und meine Reaktionen, nachzudenken. Denn es ist mein Teil, meine Freiheit und Verantwortung, dass ich handlungsfähig bin. Meine Entscheidungen haben Gewicht, daher ist es nötig, mich auf mein Verhalten zu fokussieren, Möglichkeiten abwägen und sorgfältig die richtigen Schritte zu tun – das braucht eine Kehrtwende in der Blickrichtung und Mut, nicht nach alten Gewohnheitsmustern zu handeln.

Wachstum

Wir wollen Dinge grösser werden lassen, indem wir sie aufblähen. Aber dies führt an einen Punkt, wo es ungesund wird bis hin zur Selbstzerstörung. Die Natur lehrt uns das gesunde Wachstum: Die Zellteilung. Es gibt den Moment der Spannung in der Übergrösse und führt dann in eine Teilung. Diese bedeutet unwillkürlich eine Trennung und Distanz von einem Teil, aber das ist nötig, damit die neue Zelle sich entwickeln kann, aber auch die eigene. Aber eigentlich tragen beide Teile etwas vom Ursprung in sich, das hat was Schönes.

Das Prinzip ist nicht nur auf Familiengenerationen anzuwenden, sondern auch auf andere soziale Formen, oder auf Wirtschaftssubjekte, oder auch auf unser berufliches Wachstum. Es lohnt sich, darüber nachzudenken und die eigenen Lebensgefässe und -orte danach zu überprüfen, um bereit zu sein, auch Teile in den Prozess des Teilens zu führen und irgendwann fröhlich zu verlassen.

Opferrolle überwinden

Beginne andere zu beschenken, dann wirst du dich reich fühlen. Beginne andere zu unterstützen, das wird dich stärken. Beginne andere mit Würde zu behandeln und es wird dich selbst mit Ehre kleiden. Wir können mit unserem Handeln ein Statement in unser Leben bringen, dass in der Atmosphäre einen Paradigmenwechsel einläutet und die Türen aus der Opferrolle hinaus zur handlungsfähigen Persönlichkeit öffnet. Das ist unser Anteil zur Veränderung.

Anders

Wenn wir etwas nicht einordnen können, gibt es zwei Wege damit umzugehen: Entweder wir lassen uns belehren und sind im Frage- oder Suchmodus oder wir orientieren uns an unserer Erfahrung und beurteilen das Unbekannte anhand unserer Erkenntnis. Der erste ist eine demütige Haltung, die anerkennt, dass es Dinge gibt, die über dem eigenen aktuellen Wissensstand liegen. Der zweite macht uns selbst zum Mass aller Dinge und überhöht uns zu einer Instanz, als wären wir Gott. Ich beobachte an Menschen, dass diese unterschiedlichen Haltungen eine grosse Auswirkung auf den Verlauf eines Lebens haben – in allen Bereichen.

Es ist ziemlich offensichtlich, dass, wenn es um die Quelle aller Existenz geht, wir mit unseren Erfahrungen wenig Hilfe haben werden, ihre Tiefe und ihren Reichtum zu erfassen oder gar beurteilen zu können. Vielmehr wird die Beschäftigung mit Gottes Urmacht unsere Vorstellungen sprengen und unser Hirn und Herz herausfordern.

Dass die stärkste Macht des Universums regiert und siegt, liegt in der Natur der Sache. Dass sie Leben und Beziehung hervorgebracht hat, spricht auch für sich. Nun, wenn ich nicht nachvollziehen kann, was abläuft, muss ich weder die Existenz Gottes in Frage stellen, noch sein Wesen der Beziehung negieren, sondern fragen: Was habe ich übersehen? Was könnte dem Leben dienen – natürlich ohne die Verantwortung des Handelns von Menschen auszublenden. Denn diese Verantwortung haben wir. Aber oft weitet es unser Verständnis, wenn wir eine gute Intension der nichtsteuerbaren Geschehen erwarten. Denn zu oft beurteilen wir negativ aus unseren Erfahrungen.

Nur wenn wir als Axiom unseres Denkens annehmen und glauben können: Gott ist gut, können wir tiefer in ein Verständnis der Dinge hineinwachsen, egal um welchen Bereich es geht – im kleinen oder auf der Ebene der ganzen Weltgeschichte.

Wahrheit und Verbergen

Die Nicht-Wahrheit ist zuerst einmal das Verbergen und nicht die Lüge. Das Verbergen ist immer ein Schutzbedürfnis in einer Umgebung, die nicht bejaht, nicht annimmt, nicht liebt. Von klein auf lernen wir als Lebens- oder Überlebensstrategie, negative Dinge zu verbergen, zu verdrängen und auszublenden – und hier beginnen dann auch Scheinbilder, Rollenspiele und Lügen Fuss zu fassen. Aber im Dunkeln verschwinden diese negativen Dinge nicht, sondern werden unkontrolliert und unreflektiert erst recht wirksam und verbreiten ihre zerstörerische Kraft.

Wahrheit ist darum nur mit Gnade erst möglich. Licht in die Dinge zu lassen, aufzudecken, bewirkt immer erst ein Erschrecken und oft auch eine Schmerzwelle und Tränen, aber in Gegenwart von Annahme und Liebe wird die Wahrheit zu einer entscheidenden Lebenskraft und Freude. Denn Licht und Leben sind untrennbar, genauso wie eben Wahrheit und Gnade. Wollen wir es wagen, sie zuzulassen?

Frauenrolle

Vielleicht wird in der nächsten Generation wieder ganz anders empfunden. Vielleicht stehen die Frauen auf und wehren sich gegen den Druck, dass sie gebären, stillen und arbeiten sollen und die schöne Kleinkindphase an andere vergeben sollen. Vielleicht heisst es dann: Ich befreie mich von dieser Überforderung und bleibe die Kleinkinderzeit zu Hause, das braucht mein Körper und meine Seele und mein Kind.

Vielleicht lernen auch Unternehmen, dass unterschiedliche und variable Anstellungssettings nicht nur möglich, sondern sogar befruchtend sind und Leben und Dynamik in eine Firma bringen. Das Pendel schlägt ja immer erst über die Mitte aus, bis es irgendwann zur Ruhe kommt.

Technische Hilfmittel

Seit wir Waschmaschinen haben, waschen wir unsere Kleider fast täglich – also keine Zeit gewonnen. Vermutlich investieren wir genau die gleich Zeit für Hygiene wie früher, einfach auf höherem Niveau.

Als junge Mutter war ich so dankbar über meinen Geschirrspüler, dass ich mich entschied, während der Arbeit meiner Maschine eine Pause einzulegen und bewusst meine technische Haushaltshilfe zu geniessen. Leider gehen solche Ideen immer wieder in der Hetze des Alltags unter und erst mit einigen Jährchen gelingt uns (hoffentlich) eine genüsslichere Gangart im Leben.

Gegen Eifersucht

Wenn die Eifersucht unsere Gefühle trübt, gibt es ein Hausrezept dagegen, das heisst, danken für das, was uns selbst gegeben ist. Das wissen wir inzwischen. Aber es gibt noch eine andere Strategie, die Eifersucht verdampfen lässt: Das Teil-werden. Wenn wir uns nicht mehr isoliert betrachten, sondern Teil einer Gemeinschaft, in der auch Teil-haben möglich ist, wendet sich unser Zustand. Indem wir Nähe zulassen, statt uns in Konkurrenz zu distanzieren, wird unsere Herz anders reagieren. Wenn wir ein Gemeinschaftsgefühl aufbauen, in dem wir einander an den Siegen und Segnungen teilhaben lassen, hat die Eifersucht den Boden verloren, da wir Anteil haben, mit-empfangen und uns mitfreuen. Und was noch dazu kommt: Es kehrt eine Entspannung ein, weil der Leistungsdruck auf den einzelnen abnimmt.

Gedankenblitz

Warum meldet sich ein Detail, das ich vergessen hatte mitten in einer ganz anderen Situation? Als würde das Versehen, das grade auf der Baustelle einen hohen Schaden generiert hätte, sich aktiv bei mir melden wollen. Es entsprich keiner Logik, dass mein Hirn in dieser anderen Ausrichtung von jenem Gedanken gestört und aufgestöbert wird, wie ein Wink mit dem Zaunpfahl.

Dieses Erlebnis lässt mich nachsinnen. Von Intuition kann keine Rede sein – es war eine Störung meines Gedankenflusses. Mir wird klar, dass immer wieder Menschen überrascht oder gar aufgeschreckt werden von zurechtweisenden Gedanken oder Zeichen: Warnungen und Weisungen. Es könnte sein, dass wir vielleicht schon 100-fach vor Schlimmem bewahrt wurden und wir es kaum zur Kenntnis nahmen oder gar unserer Klugheit zugeschrieben haben. Ich glaube, hier erfahren wir Gottes barmherziges Reden.

Wertschätzung

Es nervt, wenn meine Mitbewohner die Pfannen nach dem Kochen nicht abwaschen. Ich habe mir angewöhnt, das Chaos stehen zu lassen, um die Eigenverantwortung zu stärken. Das war ein guter Entscheid, wenn auch unter Aufgabe meines ästhetischen Ideals.

Kürzlich habe ich meinem fast erwachsenen Sohn ein besonders feines Essen gekocht – ich hatte Lust, ihn zu ermutigen, weil ich beobachtete, dass ihn acht Stunden Bildschirmarbeit im Homeoffice etwas frustrierten. Der Blick in die Pfanne liess seine Augen aufleuchten und er jubelte förmlich, dankte und lobte mich überschwänglich und konnte es fast nicht begreifen, dass ich ohne besonderen Anlass diese Köstlichkeiten auffuhr. Das berührte mein Herz.

Da sein Mittag sehr kurz ist, machte ich mich allein an den Abwasch und ich war überrascht, wie herzlich gerne ich ihm dies zu lieb tat. Es kam in mir die Erkenntnis, dass wir zu (fast) jedem Opfer bereit sind, wenn wir gelobt, wertgeschätzt und geliebt werden.

Die Ablehnungslüge

Ich vermute, dass 80% der Verletzungen in Beziehungen aus falscher Interpretation entstehen. Er hat mich nicht angeschaut, der hat was gegen mich – der Klassiker! Sie grüsst mich nicht – die hat ein Problem mit mir… Was wäre, wenn unsere Wahrnehmung so stark von unserer Erfahrung und Erwartungshaltung abhängig wäre, dass wir zu einer objektiven Sicht gar nicht imstande sind!?

Ich kenne Menschen, die werden immer vergessen. Es ist wie ein Fluch. Sie fehlen auf Dankeslisten, auf Einladungsverteilern und erleben immer wieder, dass sie als einzige ohne erklärbaren Grund keinen Platz erhalten haben. Wenn wir in ihrer Vergangenheit etwas graben, taucht auf, dass sie ungewollt empfangen wurden oder durch irgend einen Umstand ihren Platz nicht zugesprochen bekamen und einnehmen konnten.

Viele Jahre war für mich die Situation einer grösseren Gruppe, die sich an Tische setzen muss, eine Belastung. Ein ehrlicher Austausch mit einer Freundin hat mir die Augen geöffnet. Um mich nicht einem andern aufzudrängen, gewöhnte ich mir an, als erste an einen leeren Tisch zu sitzen. Wenn die Stühle neben mir dann längere Zeit leer blieben, während sich andere Tische füllten, war ich den Tränen nah, weil ich empfand, dass mich keiner mag. Heute kann ich diesen Zustand als Ruhepause geniessen und es kommt mir gar nicht in den Sinn, dass ich für jemanden eine Last sein könnte.

Dann sind da noch die Missverständnisse, die manchmal unser Vorstellungsvermögen übersteigen. Es gibt Momente, in denen wirklich jemand aktiv Beziehungen zerstören zu wollen scheint. Wie auch immer. Es ist hilfreich, erst einmal anzunehmen, dass es ein Versehen oder eine Unachtsamkeit und nicht persönlich gemeint war. – Und sogar wenn es einmal nicht so wäre, hätten wir ein besseres Leben, wenn wir in diesem Glauben verweilen könnten.

Schuldfrage

Medien decken die Wahrheit auf, stellen Schuldige an den Pranger. Im gleichen Geist des Enthüllungsjournalismus‘ werden eifrig Verschwörungstheorien gesucht und gefunden – Hauptsache ich weiss mehr als die andern und kenne den Täter! Und dann kommen die Hetzjagden im Internet, ähnlich der Lynchjustiz im Mittelalter.

Die Schuldfrage wollen wir geklärt haben, füllen unsere Stunden mit Recherchen und streiten unermüdlich darum, wer recht hat. Das ist menschlich. Aber viel wichtiger wäre die Frage nach dem Weg zur Wiederherstellung: Was hilft für eine Verbesserung der Lage? Welche Massnahmen bringen Schutz und Linderung? Welche Hoffnung können wir dem Problem entgegen stellen? Welche Schritte kann ich beitragen?

Diese andere Blickrichtung kann viel verändern und hat das Potenzial, Prozesse in Gang zu setzen, die gesellschaftsrelevante Veränderungen bringen. Wer schreibt diese Artikel und welcher Seite gebe ich mehr Raum?

Leistungskrank

Ein älterer Professor in den USA ist vor dem Virus nach Montana geflüchtet und will nicht mehr ins alte Leben zurück. Zwei Kunstturnerinnen aus der Schweiz brechen ihr Karriere ab. Wieviele andere noch sind aus dem Hamsterrad gestiegen, weil es nicht mehr drehte? Unsere Gesellschaft hat eine tiefgreifende Erfahrung gemacht. Bei mir selbst ist eine innere Freiheit und Ruhe entstanden, so dass ich fähig geworden bin, um 15.00 Uhr meine Arbeit zu verlassen, was 10 Jahre mein grösster innerer Kampf war und das Leiden meiner Familie. Wir stehen an einem Scheideweg, den wir vorher gar nicht erkennen konnten, obwohl er eigentlich immer da war. Ist es der Change des Jahrhunderts? Der Befreiungsschlag aus einer geistigen Knechtschaft?

Veränderung

Die Mutter putzt über Jahre den Boden unter dem Tisch, dann, wenn alle gegangen sind. Jahre verziehen und es kommt der Tag, an dem sie es nicht mehr tut. Jetzt fragt sich der Sohn genervt: Wieso ist das so schmutzig da? Woher kommen diese Krümel? Es wird etwas dauern bis er zur Einsicht kommt, dass er selbst Verursacher war, dass es an der Zeit ist, sich selbst darum zu kümmern und dass er dankbar sein kann, dass jemand für ihn die Sache bist jetzt in Ordnung hielt.

Seit 40 Jahren bereisen wir die ganze Welt, jährliche Ferien im Ausland sind Tradition, wir stehen in Schlangen vor Stadien, kämpfen uns durch Massen an Rummelplätzen, pendeln täglich Schulter an Schulter dichtgedrängt in ÖV’s und küssen grosszügig Freunde auf die Wange. Eigentlich erstaunlich, dass sich nicht früher ein Virus in dieser Art verbreitet hat. Ich komme zur Einsicht, dass unsere Reisezerstreuung in diesem extremen Mass an Kontakten eigentlich Krankheitsübertragungen provoziert und es könnte sein, dass wir Verhaltensänderungen brauchen, weil die Medizin allein das Problem nicht lösen kann.