Generationentwicklung

Wenn ein 65-Jähriger von ‚Führung‘ spricht, heisst es komplett was anderes, als wenn ein 35-Jähriger das selbe Wort benutzt. Der Pensionär kommt aus einer Welt, wo Chefs von oben dirigiert haben und das Ausführen ihrer Pläne einforderten. Wenn der 35-Jährige Teamleiter von ‚Führung‘ spricht, dann beinhaltet das Wort das Zusammenführen von Knowhow im Teamprozess, das gemeinsame Erarbeiten von Zielen und das Begleiten und Unterstützen der Mitarbeiter für eine erfolgreiche Umsetzung. Es sind Welten und man entdeckt sie nur bei genauem Hinsehen, denn zu leicht führen uns die alten Erfahrungen und Bilder an der Nase herum und wir liegen mit unserer Einschätzung weit daneben. Und unter uns: Früher war nicht alles besser 😉

Wer sollte was tun?

Wie dumm ist es von mir, mich in innere oder äussere Diskussionen einzulassen, was jener Präsident tun müsste oder wie sich mein Mitarbeiter verhalten müsste oder was mein erwachsener Sohn entscheiden sollte. Wer bin ich, dass ich dem andern sage, was er zu tun hat und von einem freien Menschen etwas einfordern will? Nicht einmal Gott selbst, dem die ganze Welt gehört, tut so etwas.

Die Zeit, über das Verhalten des andern nachzudenken, werde ich zukünftig dafür verwenden, über mein eigenes Vorgehen, mein Handeln und meine Reaktionen, nachzudenken. Denn es ist mein Teil, meine Freiheit und Verantwortung, dass ich handlungsfähig bin. Meine Entscheidungen haben Gewicht, daher ist es nötig, mich auf mein Verhalten zu fokussieren, Möglichkeiten abwägen und sorgfältig die richtigen Schritte zu tun – das braucht eine Kehrtwende in der Blickrichtung und Mut, nicht nach alten Gewohnheitsmustern zu handeln.

Wachstum

Wir wollen Dinge grösser werden lassen, indem wir sie aufblähen. Aber dies führt an einen Punkt, wo es ungesund wird bis hin zur Selbstzerstörung. Die Natur lehrt uns das gesunde Wachstum: Die Zellteilung. Es gibt den Moment der Spannung in der Übergrösse und führt dann in eine Teilung. Diese bedeutet unwillkürlich eine Trennung und Distanz von einem Teil, aber das ist nötig, damit die neue Zelle sich entwickeln kann, aber auch die eigene. Aber eigentlich tragen beide Teile etwas vom Ursprung in sich, das hat was Schönes.

Das Prinzip ist nicht nur auf Familiengenerationen anzuwenden, sondern auch auf andere soziale Formen, oder auf Wirtschaftssubjekte, oder auch auf unser berufliches Wachstum. Es lohnt sich, darüber nachzudenken und die eigenen Lebensgefässe und -orte danach zu überprüfen, um bereit zu sein, auch Teile in den Prozess des Teilens zu führen und irgendwann fröhlich zu verlassen.

Opferrolle überwinden

Beginne andere zu beschenken, dann wirst du dich reich fühlen. Beginne andere zu unterstützen, das wird dich stärken. Beginne andere mit Würde zu behandeln und es wird dich selbst mit Ehre kleiden. Wir können mit unserem Handeln ein Statement in unser Leben bringen, dass in der Atmosphäre einen Paradigmenwechsel einläutet und die Türen aus der Opferrolle hinaus zur handlungsfähigen Persönlichkeit öffnet. Das ist unser Anteil zur Veränderung.

Anders

Wenn wir etwas nicht einordnen können, gibt es zwei Wege damit umzugehen: Entweder wir lassen uns belehren und sind im Frage- oder Suchmodus oder wir orientieren uns an unserer Erfahrung und beurteilen das Unbekannte anhand unserer Erkenntnis. Der erste ist eine demütige Haltung, die anerkennt, dass es Dinge gibt, die über dem eigenen aktuellen Wissensstand liegen. Der zweite macht uns selbst zum Mass aller Dinge und überhöht uns zu einer Instanz, als wären wir Gott. Ich beobachte an Menschen, dass diese unterschiedlichen Haltungen eine grosse Auswirkung auf den Verlauf eines Lebens haben – in allen Bereichen.

Es ist ziemlich offensichtlich, dass, wenn es um die Quelle aller Existenz geht, wir mit unseren Erfahrungen wenig Hilfe haben werden, ihre Tiefe und ihren Reichtum zu erfassen oder gar beurteilen zu können. Vielmehr wird die Beschäftigung mit Gottes Urmacht unsere Vorstellungen sprengen und unser Hirn und Herz herausfordern.

Dass die stärkste Macht des Universums regiert und siegt, liegt in der Natur der Sache. Dass sie Leben und Beziehung hervorgebracht hat, spricht auch für sich. Nun, wenn ich nicht nachvollziehen kann, was abläuft, muss ich weder die Existenz Gottes in Frage stellen, noch sein Wesen der Beziehung negieren, sondern fragen: Was habe ich übersehen? Was könnte dem Leben dienen – natürlich ohne die Verantwortung des Handelns von Menschen auszublenden. Denn diese Verantwortung haben wir. Aber oft weitet es unser Verständnis, wenn wir eine gute Intension der nichtsteuerbaren Geschehen erwarten. Denn zu oft beurteilen wir negativ aus unseren Erfahrungen.

Nur wenn wir als Axiom unseres Denkens annehmen und glauben können: Gott ist gut, können wir tiefer in ein Verständnis der Dinge hineinwachsen, egal um welchen Bereich es geht – im kleinen oder auf der Ebene der ganzen Weltgeschichte.

Wahrheit und Verbergen

Die Nicht-Wahrheit ist zuerst einmal das Verbergen und nicht die Lüge. Das Verbergen ist immer ein Schutzbedürfnis in einer Umgebung, die nicht bejaht, nicht annimmt, nicht liebt. Von klein auf lernen wir als Lebens- oder Überlebensstrategie, negative Dinge zu verbergen, zu verdrängen und auszublenden – und hier beginnen dann auch Scheinbilder, Rollenspiele und Lügen Fuss zu fassen. Aber im Dunkeln verschwinden diese negativen Dinge nicht, sondern werden unkontrolliert und unreflektiert erst recht wirksam und verbreiten ihre zerstörerische Kraft.

Wahrheit ist darum nur mit Gnade erst möglich. Licht in die Dinge zu lassen, aufzudecken, bewirkt immer erst ein Erschrecken und oft auch eine Schmerzwelle und Tränen, aber in Gegenwart von Annahme und Liebe wird die Wahrheit zu einer entscheidenden Lebenskraft und Freude. Denn Licht und Leben sind untrennbar, genauso wie eben Wahrheit und Gnade. Wollen wir es wagen, sie zuzulassen?

Frauenrolle

Vielleicht wird in der nächsten Generation wieder ganz anders empfunden. Vielleicht stehen die Frauen auf und wehren sich gegen den Druck, dass sie gebären, stillen und arbeiten sollen und die schöne Kleinkindphase an andere vergeben sollen. Vielleicht heisst es dann: Ich befreie mich von dieser Überforderung und bleibe die Kleinkinderzeit zu Hause, das braucht mein Körper und meine Seele und mein Kind.

Vielleicht lernen auch Unternehmen, dass unterschiedliche und variable Anstellungssettings nicht nur möglich, sondern sogar befruchtend sind und Leben und Dynamik in eine Firma bringen. Das Pendel schlägt ja immer erst über die Mitte aus, bis es irgendwann zur Ruhe kommt.

Technische Hilfmittel

Seit wir Waschmaschinen haben, waschen wir unsere Kleider fast täglich – also keine Zeit gewonnen. Vermutlich investieren wir genau die gleich Zeit für Hygiene wie früher, einfach auf höherem Niveau.

Als junge Mutter war ich so dankbar über meinen Geschirrspüler, dass ich mich entschied, während der Arbeit meiner Maschine eine Pause einzulegen und bewusst meine technische Haushaltshilfe zu geniessen. Leider gehen solche Ideen immer wieder in der Hetze des Alltags unter und erst mit einigen Jährchen gelingt uns (hoffentlich) eine genüsslichere Gangart im Leben.

Gegen Eifersucht

Wenn die Eifersucht unsere Gefühle trübt, gibt es ein Hausrezept dagegen, das heisst, danken für das, was uns selbst gegeben ist. Das wissen wir inzwischen. Aber es gibt noch eine andere Strategie, die Eifersucht verdampfen lässt: Das Teil-werden. Wenn wir uns nicht mehr isoliert betrachten, sondern Teil einer Gemeinschaft, in der auch Teil-haben möglich ist, wendet sich unser Zustand. Indem wir Nähe zulassen, statt uns in Konkurrenz zu distanzieren, wird unsere Herz anders reagieren. Wenn wir ein Gemeinschaftsgefühl aufbauen, in dem wir einander an den Siegen und Segnungen teilhaben lassen, hat die Eifersucht den Boden verloren, da wir Anteil haben, mit-empfangen und uns mitfreuen. Und was noch dazu kommt: Es kehrt eine Entspannung ein, weil der Leistungsdruck auf den einzelnen abnimmt.

Gedankenblitz

Warum meldet sich ein Detail, das ich vergessen hatte mitten in einer ganz anderen Situation? Als würde das Versehen, das grade auf der Baustelle einen hohen Schaden generiert hätte, sich aktiv bei mir melden wollen. Es entsprich keiner Logik, dass mein Hirn in dieser anderen Ausrichtung von jenem Gedanken gestört und aufgestöbert wird, wie ein Wink mit dem Zaunpfahl.

Dieses Erlebnis lässt mich nachsinnen. Von Intuition kann keine Rede sein – es war eine Störung meines Gedankenflusses. Mir wird klar, dass immer wieder Menschen überrascht oder gar aufgeschreckt werden von zurechtweisenden Gedanken oder Zeichen: Warnungen und Weisungen. Es könnte sein, dass wir vielleicht schon 100-fach vor Schlimmem bewahrt wurden und wir es kaum zur Kenntnis nahmen oder gar unserer Klugheit zugeschrieben haben. Ich glaube, hier erfahren wir Gottes barmherziges Reden.

Wertschätzung

Es nervt, wenn meine Mitbewohner die Pfannen nach dem Kochen nicht abwaschen. Ich habe mir angewöhnt, das Chaos stehen zu lassen, um die Eigenverantwortung zu stärken. Das war ein guter Entscheid, wenn auch unter Aufgabe meines ästhetischen Ideals.

Kürzlich habe ich meinem fast erwachsenen Sohn ein besonders feines Essen gekocht – ich hatte Lust, ihn zu ermutigen, weil ich beobachtete, dass ihn acht Stunden Bildschirmarbeit im Homeoffice etwas frustrierten. Der Blick in die Pfanne liess seine Augen aufleuchten und er jubelte förmlich, dankte und lobte mich überschwänglich und konnte es fast nicht begreifen, dass ich ohne besonderen Anlass diese Köstlichkeiten auffuhr. Das berührte mein Herz.

Da sein Mittag sehr kurz ist, machte ich mich allein an den Abwasch und ich war überrascht, wie herzlich gerne ich ihm dies zu lieb tat. Es kam in mir die Erkenntnis, dass wir zu (fast) jedem Opfer bereit sind, wenn wir gelobt, wertgeschätzt und geliebt werden.

Die Ablehnungslüge

Ich vermute, dass 80% der Verletzungen in Beziehungen aus falscher Interpretation entstehen. Er hat mich nicht angeschaut, der hat was gegen mich – der Klassiker! Sie grüsst mich nicht – die hat ein Problem mit mir… Was wäre, wenn unsere Wahrnehmung so stark von unserer Erfahrung und Erwartungshaltung abhängig wäre, dass wir zu einer objektiven Sicht gar nicht imstande sind!?

Ich kenne Menschen, die werden immer vergessen. Es ist wie ein Fluch. Sie fehlen auf Dankeslisten, auf Einladungsverteilern und erleben immer wieder, dass sie als einzige ohne erklärbaren Grund keinen Platz erhalten haben. Wenn wir in ihrer Vergangenheit etwas graben, taucht auf, dass sie ungewollt empfangen wurden oder durch irgend einen Umstand ihren Platz nicht zugesprochen bekamen und einnehmen konnten.

Viele Jahre war für mich die Situation einer grösseren Gruppe, die sich an Tische setzen muss, eine Belastung. Ein ehrlicher Austausch mit einer Freundin hat mir die Augen geöffnet. Um mich nicht einem andern aufzudrängen, gewöhnte ich mir an, als erste an einen leeren Tisch zu sitzen. Wenn die Stühle neben mir dann längere Zeit leer blieben, während sich andere Tische füllten, war ich den Tränen nah, weil ich empfand, dass mich keiner mag. Heute kann ich diesen Zustand als Ruhepause geniessen und es kommt mir gar nicht in den Sinn, dass ich für jemanden eine Last sein könnte.

Dann sind da noch die Missverständnisse, die manchmal unser Vorstellungsvermögen übersteigen. Es gibt Momente, in denen wirklich jemand aktiv Beziehungen zerstören zu wollen scheint. Wie auch immer. Es ist hilfreich, erst einmal anzunehmen, dass es ein Versehen oder eine Unachtsamkeit und nicht persönlich gemeint war. – Und sogar wenn es einmal nicht so wäre, hätten wir ein besseres Leben, wenn wir in diesem Glauben verweilen könnten.

Schuldfrage

Medien decken die Wahrheit auf, stellen Schuldige an den Pranger. Im gleichen Geist des Enthüllungsjournalismus‘ werden eifrig Verschwörungstheorien gesucht und gefunden – Hauptsache ich weiss mehr als die andern und kenne den Täter! Und dann kommen die Hetzjagden im Internet, ähnlich der Lynchjustiz im Mittelalter.

Die Schuldfrage wollen wir geklärt haben, füllen unsere Stunden mit Recherchen und streiten unermüdlich darum, wer recht hat. Das ist menschlich. Aber viel wichtiger wäre die Frage nach dem Weg zur Wiederherstellung: Was hilft für eine Verbesserung der Lage? Welche Massnahmen bringen Schutz und Linderung? Welche Hoffnung können wir dem Problem entgegen stellen? Welche Schritte kann ich beitragen?

Diese andere Blickrichtung kann viel verändern und hat das Potenzial, Prozesse in Gang zu setzen, die gesellschaftsrelevante Veränderungen bringen. Wer schreibt diese Artikel und welcher Seite gebe ich mehr Raum?

Leistungskrank

Ein älterer Professor in den USA ist vor dem Virus nach Montana geflüchtet und will nicht mehr ins alte Leben zurück. Zwei Kunstturnerinnen aus der Schweiz brechen ihr Karriere ab. Wieviele andere noch sind aus dem Hamsterrad gestiegen, weil es nicht mehr drehte? Unsere Gesellschaft hat eine tiefgreifende Erfahrung gemacht. Bei mir selbst ist eine innere Freiheit und Ruhe entstanden, so dass ich fähig geworden bin, um 15.00 Uhr meine Arbeit zu verlassen, was 10 Jahre mein grösster innerer Kampf war und das Leiden meiner Familie. Wir stehen an einem Scheideweg, den wir vorher gar nicht erkennen konnten, obwohl er eigentlich immer da war. Ist es der Change des Jahrhunderts? Der Befreiungsschlag aus einer geistigen Knechtschaft?

Veränderung

Die Mutter putzt über Jahre den Boden unter dem Tisch, dann, wenn alle gegangen sind. Jahre verziehen und es kommt der Tag, an dem sie es nicht mehr tut. Jetzt fragt sich der Sohn genervt: Wieso ist das so schmutzig da? Woher kommen diese Krümel? Es wird etwas dauern bis er zur Einsicht kommt, dass er selbst Verursacher war, dass es an der Zeit ist, sich selbst darum zu kümmern und dass er dankbar sein kann, dass jemand für ihn die Sache bist jetzt in Ordnung hielt.

Seit 40 Jahren bereisen wir die ganze Welt, jährliche Ferien im Ausland sind Tradition, wir stehen in Schlangen vor Stadien, kämpfen uns durch Massen an Rummelplätzen, pendeln täglich Schulter an Schulter dichtgedrängt in ÖV’s und küssen grosszügig Freunde auf die Wange. Eigentlich erstaunlich, dass sich nicht früher ein Virus in dieser Art verbreitet hat. Ich komme zur Einsicht, dass unsere Reisezerstreuung in diesem extremen Mass an Kontakten eigentlich Krankheitsübertragungen provoziert und es könnte sein, dass wir Verhaltensänderungen brauchen, weil die Medizin allein das Problem nicht lösen kann.

Jugend

Sie ist begeisterungsfähig und leidenschaftlich. Sie will aufbrechen, Neues wagen, das Bessere suchen. Sie will in Kontakt treten, berühren und berührt werden. Sie hat Energie und und will sich beweisen. Sie will eigene Erfahrungen machen und die Möglichkeiten ausloten und ist lernfähig.

Es ist an uns, sie zu ermutigen und zu loben und ihnen die Hoffnung für eine bessere Welt nicht zu zerstören. Sie müssen wirksam sein dürfen: Wir müssen ihnen Land anvertrauen und ihnen an geeigneten Orten das Feld überlassen. Wenn die Jungend keine Vision entwickelt, hoffnungslos und resigniert ist, dann haben wir, ihre Eltern, versagt.

Wir konnten nicht…

Wir mussten zuhause arbeiten und fanden neue Gemeinschaft in der Familie. Wir konnten keine Kontakte pflegen und fanden im Partner eine neue Tiefe. Die Agenda wurde leer und wir erfuhren Befreiung von Druck und Stress. Wir konnten nicht auswärts essen gehen und entdeckten neue Kochideen. Wir konnten keine Kleider kaufen und merkten, wie wenig wir eigentlich brauchen. Unser Leben wurde bedroht und wir wurden dankbar für das Leben.

Schwäche

Mit Schwäche umzugehen ist für jeden eine Herausforderung. Unser natürliches Verhalten neigt dazu, sie zu überdecken und zu verstecken, zum Teil auch, weil wir wenig Gnade und Verständnis erlebten dafür und uns ungeliebt fühlen.

Wir klugen Menschen kennen aber noch eine ganz andere Strategie: Wir können unsere Schwäche, unseren Problempunkt, auch als Besonderheit oder sogar als Spezialität unserer Persönlichkeit hervorheben und uns so dem Schamgefühl entziehen. Wir können sie uns sogar zur Identität und Wertsteigerung werden lassen, dann müssen wir uns nicht einem evtl. schmerzhaften Prozess aussetzen. Das fühlt sich für den Moment wie eine Erlösung an, wird aber längerfristig unsere Entwicklung blockieren. Oft ist die Not der Stigmatisierung, der Verdammung und der Verachtung so gross, dass es als letzte Hoffnung auf ein gutes Leben erscheint, vielleicht sogar als Rache für die Ablehnung, die wir erfahren haben.

Ich aber glaube, dass darin eine grosse Lüge und ein perfide, noch grössere Verhinderung des Wachstums, der Befreiung und Heilung (deren wir alle bedürfen!) stattfindet. Ich denke da an Süchte aller Art, Kompensation von ungestillten Grundbedürfnissen, die zur Gewohnheit und Bindung geworden sind, Opfer- und Täterverhalten, Perversion von Gefühlen und Empfindungen durch Traumas, Schocks oder massive Kindheitsdefizite.

Die Mächtigen

Machtgefälle und Machtverhältnisse bestimmen die Gestalt unserer Welt im Kleinen wie im Grossen. Wir erleben Machtmissbrauch und Unachtsamkeit bis hin zur Ignoranz und Ausbeutung und sehnen uns nach Gerechtigkeit in Form von Machtentzug, Ahndung, Strafe und einer Abflachung des Machtgefälles. Das ist die eine Seite.

Auf der andern Seite wünschte ich mir Vorbilder, über die berichtet wird: Mächtige, die Verantwortung für die Gesellschaft wahrnehmen, die Bestrebungen machen wie z.B. Annie Lenox, wie Bono oder Roger Federer und es (hoffentlich) nicht nur für Publicity tun!

Vielleicht ist die Lösung nicht in der für uns gerechten Machtverteilung und Gleichmachung – die es in der Vielfalt der Schöpfung nie geben wird – sondern darin, dass der Mächtige sich entscheidet, den Schwächeren zu ehren und zu achten. Und dann bleibt da immer noch die Frage: Wo stehe ich in diesem System und was mache ich mit der MIR anvertrauten Macht?

Wählen und bestimmen lassen

– das ist das grosse Spannungsfeld in Familien, in Beziehungen und über die Generationen. Wie hart ziehen wir unsere Vision durch, wie geduldig warten wir auf Partizipation, wie bereit sind wir, unseren Plan aufzugeben aufgrund eines höheren Wertes? Und wie gut können wir unser Bedürfnis kommunizieren und wie offen sind wir, das des andern wahrzunehmen?

Beziehungen, die tief und stark sind – für die insbesonders die Familie steht – sind das grösste Übungsfeld, die grösste Herausforderung für unser Herz, aber auch die grösste Chance, dass die Welt nachhaltig verändert wird. Die Verletzlichkeit bei so geliebten Menschen, die spür ich am eigenen Herzen und es kostet mich Tage und Wochen, mich mit Fehlverhalten meiner Liebsten zu versöhnen und meine Rache und Vergeltungsgefühle zu überwinden. Aber nur auf diese Weise öffnet sich die Sicht für den weiteren Weg und den nächsten Schritt.

Wie oft liest man in Interviews: ‚Ich habe den Kontakt mit meinen Eltern abgebrochen‘ oder ‚vor 15 Jahren habe ich meine Schwester das letzt Mal gesehen‘. Meine eigenen Vorfahren beider Familienzweige haben Kontakte abgebrochen, Geschwister totgeschwiegen und im Geist gemordet. Die Auswirkungen sind und waren fatal: Tiefgründiges Misstrauen, Beziehungsunfähigkeit, Depression bis hin zu Selbstmord. Meine Aufgabe ist es, die Fäden wieder aufzunehmen. Und meine Kinder zeigen einen Versöhnungswillen, der mich selbst überrascht und beschämt. Es gibt Hoffnung – nicht von heute auf morgen, aber es ist ein Weg, der gerade in dieser speziellen Zeit der Ruhe und Besinnung bessere Chancen hat.

Frühlingsduft

Ich erinnerte mich plötzlich an die Lieder meiner Grosseltern mit Texten wie: ,Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerszeit…‘, die Lieder um Frühling, Sonne, Blumen, Vogelgesang – sie sind verstummt. Die Welt ist so laut und schreiend geworden, zugedröhnt mit hämmernden Rhythmen, Bilderfluten, Events und Style. Aber jetzt ist der Stecker raus und es ist still geworden. Wer sieht jetzt meine knalligen Gelnägel und wem präsentiere ich meine teuren Klamotten?

Der Frühling erhält eine neue Aufmerksamkeit, denn irgendwann verliert die Flimmerfläche ihre Anziehung und der Himmel leuchtet herrlicher denn je. Ein wenig Wiese, Sicht in die Weite, ein Schmetterling – dankbar lassen wir unsere Augen schweifen und atmen tief durch: Das ist, was schon unseren Ahnen guttat und nun eben auch uns.

Lebensgefühl

Wenn der Ausdruck ‚die Wende‘ nicht schon besetzt wäre, würde ich jetzt von der Wende sprechen. Wochen zuvor und eigentlich schon vorher versuchte ich öfters mein Lebensgefühl zu überdenken: Warum tappte ich immer wieder ins Hamsterrad der Abarbeitung, in der Hoffnung, einmal fertig zu werden, aber es dreht und dreht und das Ende ist eine Illusion. Sklverei meiner Seele, ein unaufhörlicher Treiber in mir. Mein Geist weiss, dass ich willentlich aussteigen muss. Aber die Dynamik hat seine Faszination, die eigene Macht und Wirksamkeit kann zur Sucht werden. Woher kommt dieses selbstzerstörerische Wesen in mir? Und warum geht es offenbar nicht nur mir so?

Ich bräuchte Ferien, aussteigen in eine andere Welt, ein erlösendes Elixier, Szenenwechsel hin zum Genuss: Vögel hören, Farben sehen, essen, trinken, einander in die Augen schauen – leben, dafür wäre ich geschaffen! Eigentlich fehlte mir hier nichts dazu und doch lebe ich im Alltag daran vorbei. Wie kommt es, dass es so schwer ist, während der Arbeit auch Vögel zu hören, beim Tippen Musse zu empfinden? Warum hinke ich vom einen zum andern und bringe es nicht zusammen? Warum braucht es ein anderes Land, um Essen, Wein und das Himmelblau richtig zu geniessen?

Jetzt steht die Wirtschaft still und meine Arbeit ist nicht weniger. Aber plötzlich fühlt es sich an wie Ferien. Das Rad steht still. Die Eile ist verschwunden. Es fühlt sich an wie in der Nacht, wenn alles schläft: Ruhe, keine Hektik. Einfach atmen und leben. Arbeiten und leben. Ein Gigant eines Treiber-Molochs ist erstarrt – über Städten und Ländern – und es tut so gut. Wir haben uns für einige Milliarden für das Leben von älteren und schwächeren Menschen entschieden. Das ist ein Statement! Das Leben hat über Geld, Gewinn und den Leistungsdruck gesiegt! Es ist eine Wende – ich fühle es!

Blickrichtung

Die Realität ist so vielschichtig, die Wahrheit so viel grösser, als wir wahrnehmen, erfassen und beurteilen können. Es wäre anmassend, zu glauben, dass eine Person je in der Lage ist, ein sicheres Urteil oder gar eine vollkommener Überblick erhalten zu können. Sondern alles was wir denken und erkennen, ist eine Annäherung aus einer Blickrichtung. So ist die Frage nach unserer Blickrichtung entscheidender als unser intensiver Versuch, alles vollständig zu erkennen.

Umgang mit Menschen

Wir lehren nicht Menschen, wir führen nicht Menschen, wir kooperieren nicht mit Menschen, sondern wir pflanzen in Menschen hinein. Das bedeutet, dass wir gute Samen wie Ehrlichkeit, Aufmerksamkeit, Geduld zur richtigen Zeit am richtigen Ort verschenken und in der Erwartung (nicht Forderung) leben, dass die Saat aufgeht, was so viel bedeutet wie wieder loslassen und vertrauen, das es nicht vergebens war.

Es kann lange dauern, bis eine sichtbare Pflanze und noch länger bis eine Frucht aufgeht. Aber wir werden mit Gewissheit immer mal wieder Zeugen werden von der nachhaltigen, tiefgreifenden Prägung, die unser Leben als unauslöschliche Spur hinterlässt.

Zerstörung

Zerstörung ist schlimm. Aber noch schlimmer ist, sie nicht wahrnehmen zu können, weil man sich daran gewöhnt hat. Denn das bedeutet, das kein Wiederaufbau stattfindet und keine Wiederherstellung geschehen kann. Das Klima der Umstände in dem wir aufwachsen, interpretieren wir als Kind erst mal als normal, passen uns an und könnten verpassen, uns nach etwas Besserem auszustrecken.

Motive II

Es sind unangenehme Fragen, die unser Motive aufdecken. Warum machst du das? Und warum das? Jedes Warum führt uns eine Zwiebelschicht tiefer in unseren Seelenzustand hinein, offenbart Bedürfnisse, aber auch Ängste, Blockaden, Widerstände, Feindbilder, wenn wir es zulassen. Die Frage nach dem Motiv klärt Hintergründe auf und wird zum Schlüssel für tiefgreifende Veränderung, wenn wir uns ihr stellen.

Es braucht aber auch Mut, andern diese Frage zu stellen und es braucht ein gnädiges Herz des Fragers, dass einer sich daraufhin öffnen kann. Was für eine Chance, wenn es gelingt.