Das erste Mal

Drei Menschen haben an der Hochzeit meines Ältesten das erste Mal ein Rede gehalten: Entschuldigend, unsicher etwas zitterig, aber sie hatten etwas zu sagen. Es war keine rhetorische Glanzleistung, keine ausgeklügelte, brillante Performance, aber sie haben ihr Herz geteilt, haben ehrlich und nahbar etwas von ihren innersten Gedanken an uns Hörer, die wir mit dem Rücken zum Publikum in Sicherheit weilten, verschenkt. Es war eine Schönheit, die mich berührte, ein Glanz des Menschlichen, die Feinheit des Echten.

Mir ging auf, dass das erste Mal zwar eine Unbeholfenheit an sich hat, aber auch eine jungfräuliche Herrlichkeit auf sich trägt, die ich unterschätzt hatte. Es wird Menschen geben, die ihre Nase rümpfen und lieber die Perfektion der hundertsten Repetition feiern. Aber ich habe mich grade so in das erste Mal verliebt, dass ich allen Leuten sagen möchte: Wagt etwas Neues! Es trägt eine verborgene Herrlichkeit mit sich!

Weise Wahrheit

Wahrheit kann vor den Kopf stossen und wie eine Ohrfeige wirken. Wahrheit kann Schmerz auslösen und zum Weinen bringen. Wahrheit kann verführen und vom guten Weg abbringen. Wahrheit allein ist nicht die Rettung für eine gute Zukunft und trotzdem ist sie ein Grundwert, auf den wir bauen müssen.

Die Wahrheit braucht immer einen Partner: Die Gnade, das Wohlwollen, die Liebe. Sie braucht ein Verständnis, einen Sinn. Und hier wird erst die Bedeutung klar. Wahrheit bringt Orientierung und ein Lernen, Wachstum und Tiefe, aber nur, wenn sie in gute Absicht eingehüllt ist.

Wahrheit begegnet uns immer in Worten, Bildern oder Erlebnissen und muss gedeutet und erkannt werden. Die Art und Weise, wie sie zu uns kommt, macht sie hilfreich oder zum Schrecken. So sind die Worte, Bilder oder Umstände, die eine Wahrheit vermitteln sollen, von grosser Bedeutung.

Ganze Wahrheit

Mit der Wahrheit ist es wie mit einer Kerze: Man sieht immer nur eine nahe Umgebung. Es bleiben viele Bereiche rund herum im Dunkel. Das ist eine Tatsache, die wir trotz aller Anstrengung nie ändern können, aber uns umso mehr bewusst machen müssen, wenn wir Informationen hören oder lesen.

Das eine ist, dass alle Bücher der Welt die Wahrheit nicht vollständig aufnehmen könnten, weil sie ein unendliches Netz ist mit unzählbaren Verästelungen ist. Das andere ist, dass das Medium und die Person, mit der sie vermittelt wird immer eine Färbung, eine Priorisierung und Subjektivität verursacht.

Eine wissenschaftliche, verstandesmässige Lösung gibt es darum nicht – auch nicht in der Statistik, wie wir aktuell mehr und mehr auch in politischen Fragen zugeben müssen. Die Schrift sagt, dass Gott die Wahrheit ist. Das würde bedeuten, dass er selber durch seinen Geist der nötige Filter, die Sicht und das Wort ist. Das bedeutete aber auch, dass wir ohne ihn gar nicht in der Lage sind, Wahrheit zu erkennen und Wahrheit weiterzugeben.

Aber eins bleibt unsere Sache: Sorgfalt und ein reines Gewissen walten zu lassen, wenn es gilt, von Dingen zu berichten. Und das gelingt uns, wenn wir mit den Menschen versöhnt sind und unser Herz still geworden ist.

Das Volk

Das Volk, der Pöbel, die Masse – es gibt sie nicht. Eine Menschenmenge als Klumpen zu sehen, ist der erste Schritt, Menschen zu entwürdigen. Hier beginnt der Machtmissbrauch – Alarm!

Dann die Frage: Woher kommt unser Bild der Massen? Von den Medien? Von Regierenden? Von den Intellektuellen? Jedes Bild einer Menschenmenge ist eine Lüge und degradiert den Menschen zur Sache. Die Vorstellung, dass wir das Verhalten von Menschen manipulieren können, macht uns schon schuldig. Dann nämlich werden wir verführt, es auch zu tun.

Es steht uns nicht zu, über Menschen zu herrschen, sie beeinflussen zu wollen und ihr Handeln zu manipulieren. Das haben die Verführer der Geschichte auch gemacht. Behalten wir besser den einzelnen im Auge und fokussieren uns auf unsere Umgebung: Hier bewegt sich etwas durch unser Reden und Handeln in die Richtung der Mündigkeit.

Wahrheit zum Zweck

Wahrheit muss jedem Menschen zugemutet werden, sonst entmündigen und entwürdigen wir ihn. Aber der weise Vermittler nimmt dazu Worte des Lebens, damit die Wahrheit aufbauend oder ermahnend sein kann. Dazu ist nötig, den Empfänger zu kennen und die Information vor seinem Hintergrund zu formulieren.

Aber Achtung, hier ist eine Gefahr von gutgemeinter Färbung oder Unterlassung von Informationen. So leicht werden Aussagen manipulativ und drängen den Adressanten in eine bestimmte Richtung zu denken. Wir finden dieses Problem an allen Ecken unserer Geschichte: Die Kirche, die von Hölle gepredigt hat, um ganze Nationen gefügig zu machen; Eltern, die ihre Macht zur Prägung missbrauchen für ihre Zwecke; aber eigentlich ist die ganze Politik voll von einseitigen Berichten, von Wortwahl, die Meinungen manipuliert – und wir im Westen sind davon auch nicht frei.

Letztlich müssen wir unserem Gegenüber zugestehen, dass es selber werten darf, selber eine Meinung bilden darf, selber mündig sein oder werden darf. Und hier beginnt unser Hinhören bei der gegenteiligen Meinung und unser wertschätzendes Diskutieren, wo es Raum gibt, Bedürfnisse zu benennen, Ängste zu äussern, Schwäche zu zugeben und Herz zu teilen. Am Ende sind wir alles Menschen, die zwar sehr unterschiedlich sind, aber ihr Recht auf Entscheidungsfreiheit haben.

Wie ein Gärtner

Ich neige dazu Dinge zu gestalten aber auch zu kontrollieren. Ich versuche mein Bestes zu geben und lasse nicht los. Wenn mir bewusst wird, dass ich eigentlich sehr wenig wirklich steuern kann und vieles einfach abläuft – sei es, wie meine Mitarbeiter sich verhalten, wie unsere Kunden agieren, wie sich die Marktlage entwickelt, wie das Wetter wird, was unsere Kinder tun werden – dann reagiert meine Seele mit einer spontanen kleinen Angst, weil mir bewusst wird, wie abhängig und vernetzt alles Geschehen ist.

Heute morgen aber merkte ich, dass ein Gärtner von Pflanze zu Pflanze geht und sie dann sich selbst überlässt. Oder besser gesagt wieder dem natürlichen Leben aussetzt. Er macht wenige Eingriffe, jätet, giesst und beschneidet sie, aber der Hauptteil der Zeit wächst sie einfach vor sich hin, da sie unter dem Lebenshauch des Schöpfers einfach gedeihen muss. Genauso sollte ich mich mit meinen Lebensbereichen verhalten: Ich darf, soll und kann sie einfach wieder loslassen und sie der Kraft des Lebens anvertrauen. Wie entspannend.

Ein Bild von Wahrheit

Bei einem Museumsbesuch in Göteborg hören wir die Geschichte eines Diskothekenbrandes um 1998, bei dem 62 Jugendliche das Leben verloren und über hundert Personen teils schwer verletzt wurden. Die Geschichte von vier Jugendlichen, die nicht eintreten durften und bei der Suche nach einem Hintereingang auf ein Stuhllager stiessen, das sie leichtsinnig in Brand steckten. Wir diskutieren, wie jemand auf eine solch dumme Idee kommen kann und wundern uns – auch darüber, dass wir uns nicht daran erinnern können.

Wie üblich bei solchen Nachrichten, man lässt sie stehen und geht daran vorüber. So auch ich, nicht aber meine Tochter. Sie recherchiert und findet einen interessanten Artikel, der die Geschichte in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt.

https://juedischerundschau.de/article.2021-02.islamischer-terror-der-vergessene-disco-brand-von-goeteborg-am-29-oktober-1998-mit-63-toten.html

Jetzt erst wird mir bewusst, dass die politische Korrektheit von Schweden zwar eine ‚Schubladisierung‘ des Ereignisses und die Diskriminierung von Kulturen und Religionen verhindern wollte, aber den Tatsachen und wahren Zusammenhängen so nicht gerecht wurde. Es ist so schwierig, in rechter Weise ein Geschehen zu schildern und noch schwieriger die Wahrheit zu erkennen. Wir lösen wir nur dieses Problem?

Treu

Gerechtigkeit und Freiheit sind in unserer Zeit grosse Themen, für die gekämpft und protestiert wird. Es gibt aber Themen, die heute an den Rand gerückt sind, Worte, die man selten hört. Zum Beispiel Treue. Man hört auch selten von ‚Opfer bringen‘ oder ‚aushalten‘. Und trotzdem bringen wir unsere Kinder nicht ins Heim, wenn sie nerven oder schmeissen unsere Anstellung, weil uns der Chef nicht passt.

Wir müssen über das Leben reden, das nicht voraussehbar ist. Über die Täler, die uns herausfordern oder auch mal überfordern. Es ist wichtig, dass wir ehrlich sind, wenn das Leben einen Preis kostet. Auch Beziehung kostet einen Preis und Familie auch. Treue ist das Wort, das ihn benennt. Treue spricht von einem Bund, der durch dick und dünn hält. Und durch Treue wird unser Herz stark und unsere Beziehungen werden tief und kostbar.

Spare nicht

Noch immer löst dieses Wort in mir einen kleinen Schrei aus. Ich habe so viele Jahre so sorgsam und engagiert gespart – für unsere Finanzen, für die Umwelt, für mein Gewissen. Es ist ja auch nicht per se falsch. Aber im Garten überkommt mich eine echte Not. Ich will Samen sammeln für die Saat im nächsten Jahr. Am ersten Fruchtzweig greife ich in die Samentaschen und realisiere sehr schnell, dass ich davon nicht ein Zehntel werde wachsen lassen können. Aber da sind ja noch Dutzende von Blüten herangereift – eine wahre Samenflut liegt da vor mir. Ich überlege schon, wem alles ich Samen spenden könnte – aber so viele Gärtner kenne ich nicht. Welch eine Verschwendung, welch ein Überfluss! Ich bin gänzlich überfordert! Wie nur kann meine Seele erfassen, dass das Leben überschwänglich da ist, wann werde ich es nur begreifen können!

Vorausschau

Viele Jahrzehnte habe ich in einer Reaktionshaltung gelebt: Dinge geschahen um mich herum, und ich entschied, wie ich darauf reagieren will. Schon die Freiheit, Entscheidungen treffen zu können, ist eine wunderbare Lebensqualität. Heute sehe ich viele Dinge, die noch gar nicht existieren, die ins Herzen fallen und geboren werden müssen. Mir wird bewusst, dass diejenigen Menschen die Welt gestalten, die inspiriert sind und Dinge initiieren, die uns noch nicht begegnet sind. Das Anklopfen des Neuen geschieht in unserem Geist, und wenn wir wach und verständig sind, können wir es in Existenz bringen. Agieren ist mehr als Reagieren. Selber Dinge zu schaffen und in Existenz zu rufen, macht uns zu Königen.

Geschaffen

Wir sind weder Zufall noch reine Materie. Wir sind aus einem Willen heraus entstanden, mit einer Absicht, mit einer Vorsehung, mit einem Ziel. In uns ist darum ein Suchen angelegt, das ganz natürlich nach diesem Gegenüber Ausschau hält. Wir sind so geschaffen, dass nur in diesem Austausch das Gefühl von Ganzheit entstehen kann. Und nur in der Verbindung mit dem lebendigen Schöpfer, dessen Geist auf diesem Planeten noch immer hochwirksam ist, finden wir zu dem Wesen, dass wir eigentlich sind, denn er hat uns als Unikat geformt.

Fehlt uns dieser Kontakt, werden wir in unserer Umgebung nach Bildern suchen, die uns formen und vielleicht gar nicht zu uns passen. Und wenn wir ganz unabhängig uns selbst entwickeln wollen, fehlt da immer der andere Teil, der angelegt wäre, vom Himmel her gefüllt zu werden. Wir fühlen diese Leere und den Hunger nur zu gut – oder wir ersticken sie Kraft unseres Intellekts.

Tiefe Erfüllung

Wir sehnen uns nach Erfüllung und suchen an der Oberfläche nach Erlebnissen, die uns das Leben versüssen: Bilder, Aromen und Atmosphären. Erfüllung heisst aber eigentlich gefüllt werden, das muss in die Tiefe gehen. Dafür braucht es Vertrauen und Vertrautheit, Offenheit und Nähe und passiert in der Unmittelbarkeit eines vertrauten Gegenübers, welches ein Mensch oder die Person Gottes sein kann.

Widerstand

Hartnäckig Widerstand leisten ist eine wichtige Charaktereigenschaft, die wir oft vergessen. Widerstand gegenüber den Gedanken und Einladungen, die uns und andern schaden. Festhalten an Prinzipien, für die wir uns entschieden haben. Den Blick abwenden, wenn uns die Verlockung besucht, den Ort verlassen, wenn Dinge geschehen, gegen die wir uns entschieden haben, das Fenster schliessen, anstatt es mit dem nächsten Mausklick öffnen. Manchmal müssen wir den Gesprächspartner auf ein anderes Thema lenken, weil er Dinge sagt, die unser Ohr und Herz verschmutzen – das kann herausfordernd sein.

Auch in unserem eigenen Herzen braucht es Widerstandskraft, dann, wenn wir uns unrechtmässig im Verborgenen etwas holen könnten. Aber auch, wenn Gedanken von Rache und Vergeltung oder Neid und Eifersucht uns bedrängen und peinigen. Wenn wir nicht aktiv und bewusst Widerstand leisten, werden wir halb unbewusst abdriften und weggezogen werden an einen Ort, an dem wir nicht sein wollten. Wir werden die Folgen schönreden und beginnen, uns selber zu belügen.

Es ist gut, ehrlich über unsere Widerstandskämpfe zu reden und wichtig, es auch unseren Kindern beizubringen, indem sie von den Kämpfen hören: Wir müssen stark und standhaft werden. Und wenn wir mal versagen, geben wir es besser zu, damit wenigstens unser Geist klar bleibt.

Ausländer

Man muss ja heute unglaublich achtgeben, wenn man über Kulturen und Völker etwas sagt. Genetische Eigenschaften darf man heute nicht mehr Rasse nennen. Überhaupt darüber nachzudenken, was angeboren und was angelernt ist bezüglich Geschlecht und Herkunft, ist aktuell ein heisses Eisen. Vielleicht übernehmen ja sogar die Gene mit der Zeit das, was wir eingeübt haben entgegen der früheren Erkenntnis… Aber ich möchte etwas anderes sagen.

Wenn ich Italiener miteinander so aktiv im Augenkontakt auf 30cm Gesichtsnähe reden sehe, dann denke ich, ich möchte auch diese Nähe und Intensität im Miteinander leben. Sehe ich die Bilder von Parties der afrikastämmigen Frauen, wünschte ich, ich könnte auch mit meinen Freundinnen herumhüpfen und herumtanzen wie sie. Begegne ich Skandinaviern, wundere ich mich über diese respektvolle, diskussionsfreudige Art Gespräche zu führen und würde gerne Anteil haben. Begegnen mir Franzosen, frage ich mich, wo mein Charme und meine Sinnlichkeit verloren gegangen ist und begegne ich Arabern, dann wird mir bewusst, dass das Leben mehr Schönheit, Poesie und Düfte haben könnte.

Wie arm ist mein Leben ohne sie, die Ausländer. Es hungert mich nach der Fülle des Lebens, die offenbar verteilt ist auf der ganzen Erde. Es wäre wohl gedacht, dass wie das Herz öffnen und lernen – natürlich gegenseitig.

Älter werden

Das Älterwerden hat logischerweise auch damit zu tun, dass wir mit immer mehr Unreife, Unwissenheit und Unfähigkeit um uns herum konfrontiert werden. Manchmal vergessen wir das, oder? Wir brauchen dringend ein Wachstum von Geduld, sonst werden wir bald gehässige, mürrische und motzende Kläffer je älter wir werden. Es steht uns aber echt viel besser, eine mütterlich-väterliche Haltung von jungen Eltern zu bewahren.

Geistliche Welten

Die Gedanken spiegeln die vielen existierenden geistliche Welten. Unser Geist nimmt neben den eigenen erfahrungsbegründeten Gedanken auch äussere, inspirierte Gedanken auf und ist mehr oder weniger geübt, die ‚Einfälle‘ zu unterscheiden und zu ordnen. Wir haben als Menschen die Fähigkeit, Gedanken zu übergehen und vorübergehen zu lassen oder auf Gedanken einzusteigen und ihnen Raum zu geben, bis dahin, dass wir daraus eine Handlung entstehen lassen.

Also gibt es eine Ebene des geistlichen Raumes, der als Quelle der Inspiration massgeblich Menschen beeinflussen kann, dann aber auch die Ebene des eigenen Willens, der Dinge wie ein Filter abhält oder einlässt. Beides hat seine Bedeutung. Auf der ersten Ebene finden wir die Möglichkeit, im Gestalten einer Atmosphäre und in der Fürbitte einen positiven Einfluss auf unsere Umgebung zu nehmen.

Würde

Würde erhält ein Mensch dadurch, dass ihm Verantwortung und Vertrauen übertragen wird. Das bedeutet natürlich auch, dass ihm ein Zerstörungspotential zugemutet wird. Folglich müssen wir uns nicht wundern, wenn die Welt mit Zerstörung konfrontiert ist, dann Gott hat uns Würde gegeben.

Stress

Stress ist eine irrationale Sache, die in einer Selbstüberhöhung oder in einem Trauma oder beidem begründet liegt.

Warum kommen wir unter Druck? Weil wir glauben, mehr tun zu müssen, als wir können? Weil wir Erwartungen erfüllen sollten, die in Wahrheit nicht unseren Möglichkeiten entsprechen? Weil wir uns mehr verantwortlich fühlen, als wir es tatsächlich sind? Weil wir uns vor Versagen fürchten? Weil wir einem perfekten Bild anhängen? Wenn uns klar wird, dass wir vom Herzen her erkannt sind und beurteilt werden, fällt der Stress ab. Wenn wir erkennen, dass wir ’nur‘ Mensch sind und in unserer Unvollkommenheit geliebt sind, kehrt Ruhe ein.

Vielleicht haben wir ein Trauma erlebt, das unser Sein so bedroht hat, dass sich eine Panik in unseren Gliedern abgespeichert hat. Dann wird Stress in gewissen Situationen eine unkontrollierbare Reaktion. Es lohnt sich, dieser Ursache nachzugehen – und wenn es nur die unausgesprochenen Erwartungen der Eltern war mit Liebesentzug.

Gleichzeitig kann uns auch eine Gesellschaftskultur oder unser eigener Ehrgeiz verführen, in Überforderung zu leben. Hier müssen wir reflektieren, was wir wirklich leisten können, herausfinden wo unsere Grenzen sind, aktiv unseren Platz klären und falsche Forderungen bewusst innerlich und äusserlich ausser Kraft setzen.

Eines ist sicher: Wir sind nicht geschaffen, längerfristig Stress ausgesetzt zu sein. Handeln wir!

Ratschläge

Ratschläge haben immer einen demütigenden Toutch, der unseren Stolz herausfordert. Aber wenn privilegierte Menschen uns freundlich und hilfsbereit erklären, dass man dies und das hätte tun sollen, was jedoch nur möglich ist mit Ressourcen eines privilegierten Menschen, dann ist es nicht nur demütigend, sondern schmerzhaft erniedrigend. Dann beginnt es schwierig zu werden, eine Erklärung abzugeben, und wir verstummen.

Solche Momente geschehen auf allen Ebenen von Gesellschaftsschichten, was bedeutet, dass wir immer in der einen oder andern Rolle auftreten können. So sollte uns das Erleben lehren, wachsam zu sein, damit wir nicht selbst mit Ratschlägen um uns her fuchteln.

Die Prüfung

Jemand legt vor dir 1’000 € auf den Tisch und sagt: Dieses Geld ist für jemanden bestimmt, der es sehr nötig hat. Was tust du? Nimmst du es und machst Ferien? Lässt du es liegen für einen, der bedürftig ist? Tust du das gleiche, ob der Spender hinschaut oder bereits gegangen ist? Bist du in der Lage, das Geld auch im Verborgenen liegen zu lassen, weil du es momentan wirklich nicht dringend brauchst?

Prüfe dein Herz. Wir haben viele ähnliche Momente tagtäglich in unserem Leben. Gewinnen wir den inneren Kampf zur Aufrichtigkeit? Oder haben wir die Kraft dafür verloren? Wir können diese Fähigkeit trainieren, sodass wir stark werden und eine unsichtbare Krone gewinnen, die uns Türen öffnet, von deren Existenz wir keine Ahnung hatten.

In die Ruhe leiten

Wenn wir fähig werden, unser Herz in die Ruhe zu leiten, haben wir die höchste Lebensqualität gefunden.
Wir reiben uns wund an den Umständen, wenn wir versuchen, sie zur Harmonie mit uns zu zwingen. Wir jagen dem Wind nach, wenn wir das perfekte Umfeld für uns finden wollen. Wenn wir aber lernen, Frieden zu finden in der Unvollkommenheit, in Widerwärtigkeiten oder gar Angriffen, dann sind wir für das Leben gewappnet. Auflehnung ist ein Eigengoal, Rebellion raubt uns den Schlaf und Rache zieht uns mit dem andern in den Abgrund.

Wer sein Herz in die Ruhe leiten kann, hat die Tür zur Weisheit gefunden. Es ist der erste Schritt zur Versöhnung und Versöhnung ist eine starke Kraft, die nichts mit Passivität und Hoffnungslosigkeit zu tun hat, denn sie geht auf den andern zu und öffnet das Tor zum Himmel.

Eltern

Es gibt mir den Eindruck, dass die grösste Zerstörung unserer Lebensgemeinschaft durch die Wegnahme der Eltern geschieht – Eltern, ein Mann und eine Frau. Es geht weniger um eine Schuldfrage, als vielmehr um das Erkennen einer gefährlichen Tendenz, der wir in verschiedener Weise mutig entgegenwirken sollten.

Die mangelnde Konfliktfähigkeit der Partner bewirkt viele Trennungen und Scheidungen, sodass mehr und mehr Kinder nur mit einem Elternteil aufwachsen. Neu wollen nun Frauen ihr Kind unabhängig einer Partnerbeziehung empfangen, als wäre der Kinderwunsch eine individuelle Entscheidung. Dazu wollen homosexuelle Paare ein Recht auf Kinderadoption einfordern. Leihmütter, Samenspender und in vitro Fertilisation machen Kinder zu einem Produkt als Lebensprojekt.

Was erleben diese Kinder? Sie sind die kommende Generation. Sie werden in ein schutzloses All eines egoistischen Wunscherfüllungssystems geworfen und ihr Geist ist nicht eingebettet.

Familie ist mehr als eine Variante der Symbiose und Aufzucht. Die Zeugung eines Kindes aus einem tiefen Glück der Vereinigung zweier Liebenden schafft einen Grund, der sich nicht unter dem Mikroskop abbilden lässt. Die Einbindung in ein emotional sicheres aber lebendiges Umfeld weckt vielfältige Wesensarten und lockt die sensiblen Neigungen der werdenden Persönlichkeit hervor. Das Nest unter dem Austausch zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit, die vielschichtige Dynamik einer Beziehung zwischen so unterschiedlichen Individuen, die sich bis in die Tiefe miteinander verbunden haben, schafft einen Raum von Geborgenheit, weckt Vielfalt und befähigt zur Bindung und Beziehung auch in Unterschieden. Identifikation mit dem eigenen Geschlecht, Mitgefühl, Anteilnahme, Lebensinn, tiefe Gefühle und ihr Umgang damit brauchen dieses Familiengefüge, das auf dem Liebesbund dieser Gegensätze von Mann und Frau aufgebaut ist. – Darf man das heute noch so benennen?

Es geht nicht um den Kinderwunsch, sondern um das Kind. Es geht nicht um meine Lust, sondern um die nächste Generation. Wie kurzsichtig und egoistisch ist unsereins geworden!

Maske tragen

Jetzt sind unsere Lippen, unsere Nase und die Wangen vor der Öffentlichkeit verborgen, Wangenrouge und Lippenstift sind unnütz geworden. Vielleicht tut es dem einen oder andern gut, dass er mal die zu grosse Nase, die unreine Haut oder das Hängekinn verstecken kann. Die Ansprüche sind hoch – wer kann ihnen genügen? Ich jedenfalls finde es zwischendurch irgendwie befreiend, nicht eingeordnet werden zu können, ein bisschen fassadenlos aufzutreten. Und ich überlege mir, ob eventuell gewisse verhüllte Frauen diesen Aspekt auch schätzen – obwohl ich keinesfalls eine Befürworterin der Burka bin.

Generationentwicklung

Wenn ein 65-Jähriger von ‚Führung‘ spricht, heisst es komplett was anderes, als wenn ein 35-Jähriger das selbe Wort benutzt. Der Pensionär kommt aus einer Welt, wo Chefs von oben dirigiert haben und das Ausführen ihrer Pläne einforderten. Wenn der 35-Jährige Teamleiter von ‚Führung‘ spricht, dann beinhaltet das Wort das Zusammenführen von Knowhow im Teamprozess, das gemeinsame Erarbeiten von Zielen und das Begleiten und Unterstützen der Mitarbeiter für eine erfolgreiche Umsetzung. Es sind Welten und man entdeckt sie nur bei genauem Hinsehen, denn zu leicht führen uns die alten Erfahrungen und Bilder an der Nase herum und wir liegen mit unserer Einschätzung weit daneben. Und unter uns: Früher war nicht alles besser 😉

Wer sollte was tun?

Wie dumm ist es von mir, mich in innere oder äussere Diskussionen einzulassen, was jener Präsident tun müsste oder wie sich mein Mitarbeiter verhalten müsste oder was mein erwachsener Sohn entscheiden sollte. Wer bin ich, dass ich dem andern sage, was er zu tun hat und von einem freien Menschen etwas einfordern will? Nicht einmal Gott selbst, dem die ganze Welt gehört, tut so etwas.

Die Zeit, über das Verhalten des andern nachzudenken, werde ich zukünftig dafür verwenden, über mein eigenes Vorgehen, mein Handeln und meine Reaktionen, nachzudenken. Denn es ist mein Teil, meine Freiheit und Verantwortung, dass ich handlungsfähig bin. Meine Entscheidungen haben Gewicht, daher ist es nötig, mich auf mein Verhalten zu fokussieren, Möglichkeiten abwägen und sorgfältig die richtigen Schritte zu tun – das braucht eine Kehrtwende in der Blickrichtung und Mut, nicht nach alten Gewohnheitsmustern zu handeln.

Wachstum

Wir wollen Dinge grösser werden lassen, indem wir sie aufblähen. Aber dies führt an einen Punkt, wo es ungesund wird bis hin zur Selbstzerstörung. Die Natur lehrt uns das gesunde Wachstum: Die Zellteilung. Es gibt den Moment der Spannung in der Übergrösse und führt dann in eine Teilung. Diese bedeutet unwillkürlich eine Trennung und Distanz von einem Teil, aber das ist nötig, damit die neue Zelle sich entwickeln kann, aber auch die eigene. Aber eigentlich tragen beide Teile etwas vom Ursprung in sich, das hat was Schönes.

Das Prinzip ist nicht nur auf Familiengenerationen anzuwenden, sondern auch auf andere soziale Formen, oder auf Wirtschaftssubjekte, oder auch auf unser berufliches Wachstum. Es lohnt sich, darüber nachzudenken und die eigenen Lebensgefässe und -orte danach zu überprüfen, um bereit zu sein, auch Teile in den Prozess des Teilens zu führen und irgendwann fröhlich zu verlassen.